Kleine Typologie der Fans

Nullzunull im Regen

Wie verkraften eigentlich Bayern-Fans dieses ewige Siegen? Und warum sind so viele andere Fans überglücklich, keine Bayern-Fans zu sein? Eine kleine, höchst subjektive Fan-Typologie vor dem Spiel BVB gegen FCB. Kleine Typologie der Fansimago images
Der Muttermilchfan

Nach einer Meinungsumfrage, die kurz vor der Fußball-Europameisterschaft erschien, ist die Fußballbegeisterung im Ruhrgebiet weitaus ausgeprägter als in anderen deutschen Regionen. Ganz vorn liegt Gelsenkirchen, was mich als Fan von Borussia Dortmund schon wieder auf die Palme bringt (»Kann doch gar nicht sein. Die haben sich verrechnet. Zu blöd, 'ne Umfrage zu machen...«). Sie sehen schon: Fans, die die Leidenschaft für ihren Verein mit der Muttermilch eingesogen haben (Schalker und Dortmunder zum Beispiel), verstehen exakt 0,001 Promille Spaß. Wobei das mit der Muttermilch natürlich nicht wörtlich zu nehmen ist. Führende Sportpsychologen wissen, dass der Vater die entscheidende Rolle bei der frühkindlichen Fanprägung übernimmt. Mein Vater hat übrigens Borussias legendäres 5:0 gegen Benfica Lissabon am 4.12.1963 im Stadion Rote Erde live erlebt. Das ist doch mal ein Stammbaum, was?

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Der Bayern-Fan


Für mich ist das eine eigene wissenschaftliche Unterkategorie. Andere Forschungsansätze gruppieren den Bayern-Fan unter »Schönwetterfans« ein. Aber das finde ich unfair. Natürlich hat es einen Reiz, mit den ewigen Gewinnern zu paktieren. Das machen ja schon kleine Jungs auf dem Schulhof, wenn der Klassenschwächling (Cottbus?) wieder eins auf die Nase kriegt. Bayern-Fan zu sein, beschert einem große Momente im Abonnement. Das macht die Mühseligen und Beladenen natürlich anfällig. Ich persönlich musste drei Versuchungen widerstehen, um nicht Bayern-Fan zu werden. Gerd Müllers Tor zum 2:1 im WM-Finale 1974, Uli Hoeneß' Sturmläufe im Europapokal gegen Dynamo Dresden und »Katsche« Schwarzenbecks 1:1 in der 119. Spielminute des Europacupfinals gegen Atletico Madrid hätten schicksalhaft werden können. Aber Blut ist stärker als Schwarzenbeck.

Der unglücklich verheiratete Fan

Da kann man nichts machen. Schon die Mütze eines Torhüters kann ausreichen und man wird Eintracht-Frankfurt-Fan. Einem Freund von mir ist das passiert. Als Kind liebte er den Borussen-Torhüter Hans Tilkowski, weil der so eine wunderschöne Schirmmütze trug. Dann ging Tilkowski zu Eintracht Frankfurt und mein Freund blieb so zähneknirschend treu wie eine Ehefrau, die ihrem Mann aus beruflichen Gründen aus New York nach Hoffenheim folgen muss. Gott sei Dank: Auch die schlechtesten Ehen lassen sich heutzutage scheiden. Mein Freund hat sich später in den FC St. Pauli verliebt.

Der Edelfan

Abscheu und Ekel aus den echten Fankurven schlagen ihm entgegen. Er ist ein Phänomen der 90er Jahre, als das Geld von Leo Kirch und Kon-sorten plötzlich die Stadien flutete. Edelfans sitzen auf den besten Plätzen und bringen jetzt auch ihre reizende junge Gattin (oder Geliebte?) mit. Edelfans sind im Hauptberuf oft Manager oder Politiker und haben noch nie dreieinhalb Stunden an einer Kasse angestanden, um die letzte Jugendkarte für das Revierderby dann doch nicht zu ergattern. Sie drucken diese Karten selbst.

Der Desperado

Er hat die ewigen 0:0-Spiele im Regen gegen Waldhof Mannheim ertragen, weil jedes Spiel besser als keins ist. Er war als einer von exakt 13 Fans beim UEFA-Cup-Auswärtsspiel von Borussia Dortmund bei Universitatea Craiova (Rumänien) dabei. Das hat ihn ein halbes Monatsgehalt gekostet. Eigentlich ernährt er sich seit Jahren nur von Stadionbratwurst und Pils. Er ist der lebende Gegenentwurf zum Edelfan.  Manchmal, in ganz schwachen Stunden, wünscht er sich ein zweites Leben. Ja! Zur Not auch als Bayern-Fan.