Klaus Toppmöller über Lauterns 7:4 gegen den FC Bayern

Noch lagen wir aber hinten. Der Ausgleich fiel nach einer besonderen Freistoßvariante, die ich bei den Brasilianern gesehen hatte. Das Leder anlupfen und volley aufs Tor – was schwierig aussieht, hatte erstaunlich oft Erfolg. So konnte man den Ball wunderbar mit dem Vollspann über die Mauer heben. Das hatten wir oft trainiert. Und genau solch eine Szene ging dem Ausgleich voraus: Der Freistoß knallte gegen den Pfosten und wiederum Pirrung vollendete per Nachschuss aus spitzem Winkel.

Dann erzielte ich das 5:4, wieder durch einen Kopfball. Neben dem Tor hatten sich schon vorher Dutzende Fans versammelt, ich tauchte komplett in der Menge unter. Als ich wieder hervorkam, folgte die Ernüchterung: Der Schiedsrichter deutete an, dass er ein Foulspiel gesehen hätte. Das Tor zählte nicht! Es stand weiter unentschieden. Wenig später war es dann aber soweit, unser Kapitän Ernst Diehl erzielte den überfälligen Führungstreffer. Nun gelang uns alles.

»Hi, ha, ho, Bayern ist k.o.!«

Durch die zwei wunderschönen Treffer von Herbert Laumen wurde die Schmach für die Bayern perfekt. 7:4 nach 1:4! »Hi, ha, ho, Bayern ist k.o.!«, schmetterten die 35.000. Mittlerweile waren auch alle diejenigen wieder da, die sich vorher schon auf den Heimweg gemacht hatten, zurückgelockt von den Torschreien der Verbliebenen. Absolute Festtagsstimmung auf dem Betzenberg! Wie heißt es doch so treffend: Ein Tag, so wunderschön...



Einige Zeit später versuchten die Bayern, mich abzuwerben, wahrscheinlich hatten sie genug von den ganzen Toppi-Toren... Aber ich war immer schon ein sehr heimatverbundener Mensch. Meine Eltern lebten damals noch, und ihnen nahe zu sein war mir wichtiger als das große Geld. Ich wollte einfach nicht von zu Hause weg! Und schließlich ist die Moselregion, wo ich herkomme, einfach die schönste Gegend in Deutschland...

Den FCK hatte ich außerdem schon von Kindesbeinen an ins Herz geschlossen. Als ich sechs Jahre alt war, hockte mich mein Vater auf sein Motorrad und wir fuhren nach Trier, wo die Eintracht gegen den FCK spielte. Auf den Schultern meines Vaters sitzend sah ich Fritz Walter und die anderen Lauterer Weltmeister spielen. Als ich Fritz dann Jahre später zum ersten Mal begegnete, war ich voller Ehrfurcht. Später wurde unser Verhältnis immer enger. Vielleicht gefiel ihm, dass ich genau wie er selbst dem FCK immer die Treue hielt und nie woanders spielte. Nach meiner aktiven Laufbahn habe ich zahlreiche seiner Geburtstage im engsten Familienkreis verbracht.

Fritz bleibt unerreichbar

Auch in einer anderen Sache bin ich Fritz vielleicht etwas ähnlich: Ich habe nie vergessen, wo ich herkam. Als kleiner Bub schwärmte ich von Heinz Vollmar, einem Nationalspieler vom 1. FC Saarbrücken. Mein größter Traum war, ihn einmal zu berühren – er war ja so etwas wie ein Gott für mich! Als ich das nach einem Spiel auch schaffte, war ich überglücklich. Das habe ich mir bewahrt. Deshalb hätte ich später nie jemandem einen Autogrammwunsch abschlagen können. Immer, wenn mir ein kleiner Junge mit hoffnungsvollem Blick gegenüber stand, dachte ich: Das könnte mal dein Nachfolger sein..

Dennoch: Einen wie Fritz Walter wird es nie wieder geben. Egal ob Toppmöller, Briegel, Kuntz oder andere – Fritz bleibt unerreichbar, als Spieler und als Mensch.

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20. Oktober 1973
FCK – Bayern München 7:4 (1:3)

FCK: Elting – Huber, Diehl, Schwager, Fuchs – Toppmöller, Bitz, Laumen – Pirrung, Sandberg, Ackermann
München: Maier – Hansen, Schwarzenbeck, Beckenbauer, Dürnberger – Zobel, Roth, Hoeneß - Gersdorff, Hoffmann, Müller
Tore: 0:1 Gersdorff (3.), 0:2 Gersdorff (12.), 0:3 Müller (36.), 1:3 Pirrung (43.), 1:4 Müller (57.), 2:4 Toppmöller (58.), 3:4 Pirrung (61.), 4:4 Pirrung (73.), 5:4 Diehl (84.), 6:4 Laumen (87.), 7:4 Laumen (89.)
Rot: Gersdorff (76.)
Zuschauer: 35.000 (Betzenberg)

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Text entnommen aus:
Johannes Ehrmann
»Wenn der Betze bebt«. 20 legendäre Spiele des 1. FC Kaiserslautern
Verlag Die Werkstatt

Leseproben und Infos: www.fck-buch.de