Keisuke Honda und der SV Horn

»Hoffentlich koa Harakiri«

Ein Finanzkonsortium um Milan-Star Keisuke Honda hat den Dorfklub SV Horn übernommen. Der Zweitligist soll zum Verschiebebahnhof für Talente aus Fernost werden.

Foto: Christian Fischer

Diese Geschichte ist wahr, auch wenn sie ziemlich unglaublich klingt, und sie spielt gleich neben einem riesigen Maisfeld. Es ist die Geschichte von einem Verein aus der österreichischen Provinz und einem Finanzunternehmen aus Japan. Der Klub heißt SV Horn, sein bislang größter Coup war der Aufstieg in die zweite Liga. Das Unternehmen heißt Honda Estilo, und sein Hauptgesellschafter ist Keisuke Honda, 30, Spielmacher des AC Mailand. Bis zum Jahr 2020 wollen es die beiden ungleichen Partner nach ganz oben geschafft haben.

In fünf Jahren Champions League

Youji Honda blickt seinem Gesprächspartner nur selten in die Augen, weil das in Japan als distanzlos gilt. Dadurch wirkt der zwei Jahre ältere Cousin des großen Keisuke ein wenig unsicher. Doch seine sanft dahinfließenden Worte strotzen vor Entschlossenheit: »Wir wollen mit Horn innerhalb von fünf Jahren in die Champions League. Daran hat sich nichts geändert, außer dass wir schon über ein Jahr hier sind. Uns bleiben also noch etwas mehr als dreieinhalb Jahre.« 

Während er das sagt, wird irgendwo draußen ein Traktor angeschmissen. Der Motor stottert, dann verreckt er, und jemand flucht in breitestem Niederösterreichisch. Aus der Entfernung klingt das ein bisschen wie Japanisch. Youji Honda wendet sich zum halb geöffneten Fenster, nimmt einen tiefen Zug Landluft und sagt: »Wir haben uns hier bewusst hohe Ziele gesetzt.« 

Die Adresse für junge Kicker

Um ermessen zu können, wie verwegen der Honda-Plan ist, muss man wissen: Der SV Horn aus der gleichnamigen 6800-Einwohner-Gemeinde in der dünn besiedelten Region Waldviertel ist erst im Sommer in die zweithöchste Liga zurückgekehrt. Nach einem Fehlstart in die laufende Saison ist man von einem weiteren Aufstieg ungefähr so weit entfernt wie Tokio von Wien. 

»Der sofortige Aufstieg wäre ideal«, sagt Youji Honda und schränkt ein: »Okay, das wird schwierig. Aber nächste Saison wollen wir aufsteigen.« Denn Horn soll vor allem für junge Kicker aus Fernost zur attraktiven Adresse werden. Deren Einfuhr und späterer Weiterverkauf ist sozusagen das Geschäftsmodell der Hondas. Die österreichische Bundesliga und, ja wirklich, die Champions League sollen als Schaufenster dienen.

Ein Japaner, ein Österreicher

Honda Estilo ist ein Sportbusiness-Imperium mit Berateragentur und 65 kommerziellen Fußballschulen. Seit die Asiaten 49 Prozent der Klubanteile halten, ist in Horn einiges anders. Die winzige Geschäftsstelle im Obergeschoss des Kabinentraktes platzt aus allen Nähten. Viele Bereiche im Klub sind doppelt besetzt: immer ein Japaner, ein Österreicher. Ein Dolmetscher regelt den Sprachverkehr. 

Nur Youji Honda hat ein eigenes Büro. Auf seinem Schreibtisch herrscht ein gepflegtes Chaos. Gigantische Papierberge, Lawinengefahr! Dazwischen Autoschlüssel, Laptop, Handys, Regelhefte, eine japanische Glückskatze. Irgendwo lugt ein Playstation-Controller hervor. »Oh, der ... damit steuert Youji nur die Einstellungen für die Videokonferenzen«, sagt der Dolmetscher entschuldigend. Er verweist auf den Flatscreen an der Wand. Youji und Cousin Keisuke konferieren nahezu jeden Tag.