Keeper muss im Feld spielen

»Wie ein Huhn ohne Kopf«

Bröndby-Coach Alexander Zorniger beorderte seinen Torwart bei einem Testspiel ins Feld. Aus einem ungewöhnlichen Grund.

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Bröndby-Zeugwart Leif Mortensen war für einen Moment sprachlos. Kurz vor dem Testspiel gegen den Amateurklub KFUM Roskilde (7:0) hatte er eine ungewöhnliche Anweisung erhalten: Ein gelbes Feldspieler-Trikot mit der Nummer 1 sollte her. Was soll das denn schon wieder?, mag sich mancher gedacht haben beim Tabellenzweiten der dänischen Superliga.

Obwohl: Seitdem Pressing-Papst Alexander Zorniger (49) das Amt des Bröndby-Cheftrainers übernommen hat, wundern sie sich dort über gar nichts mehr.

Nach rund 25 Spielminuten (beim Stand von 3:0) wussten alle Beteiligten, was es mit dem ominösen Trikot auf sich hatte: Zorniger, bekannt als Mann für extreme Maßnahmen, ließ das Match kurz stoppen und wies seine komplette Elf an, untereinander die Positionen zu tauschen. So musste der baumlange Ex-Fürther Benedikt Röcker (27) aus der Innenverteidigung ins offensive Mittelfeld vorrücken. Der frühere Herthaner Hany Mukhtar (21) wanderte aus dem Mittelfeld ins Angriffszentrum.

»Im Spiel nach vorn hat es Spaß gemacht«

Bröndby-Keeper Frederik Rönnow aber traf es am härtesten: Der 24-Jährige tauschte seinen Torwart-Pullover gegen das eigens angefertigte Feldspieler-Hemdchen und fand sich urplötzlich im Abwehrzentrum wieder. Dort verlebte Rönnow einen Arbeitstag, den er wohl niemals vergessen wird. »Im Spiel nach vorn hat es mir durchaus Spaß gemacht und es war eine gute Übung für die Ballbeherrschung«, erklärte Dänemarks Nationalkeeper Nummer drei hinterher. »Deshalb habe ich ja auch diesen Einsatz bekommen.« Nicht ganz!

Natürlich wollte Zorniger seinen hochtalentierten Schlussmann auch fußballerisch fordern und fördern. Doch das ist nur die halbe Wahrheit, wie der ehemalige Bundesliga-Trainer wenig später erklärte: »Ich wollte vor allem erreichen, dass die Spieler ein besseres Verständnis für die anderen Positionen vermittelt bekommen. Sie sollen verstehen, wie wir als komplette Mannschaft agieren müssen und wie ihre Mitspieler funktionieren müssen, damit alle ihre Aufgaben vernünftig erledigen können. Wenn du zum Beispiel die 6 oder die 10 auf hohem Niveau spielen willst, musst du auch wissen, wie die Spieler auf den anderen Positionen arbeiten.«

Folglich muss, wer die Nummer 1 tragen will, auch kapieren, was eine Nummer 4 in den 90 Minuten so treibt.

Was Rönnow so nicht vermutet hätte: Vor allem das Spiel gegen den Ball (über)forderte ihn gnadenlos. Obwohl der 1,88-Meter-Mann Zornigers komplexes Gegenpressing schon seit dem vergangenen Sommer aus der Torwartperspektive studieren kann und regelmäßig an den Taktikeinheiten teilnimmt, hatte er deutliche Schwierigkeiten, sich nahtlos ins Schwarmverhalten einzufügen: »Wenn wir nicht in Ballbesitz waren, war es für mich einfach nur verwirrend«, berichtet Rönnow aus dem tiefsten Innern der gelb-blauen Pressingmaschine. »Ich bin dort herumgelaufen wie ein Huhn ohne Kopf. Ich wusste einfach nicht, wo ich hinrennen sollte, wenn wir mal verteidigen mussten.«