Kann Thomas Meggle den FC St. Pauli beruhigen?

Hineinwachsen in die neue Rolle

Aber dieser Thomas Meggle hatte sich ja tatsächlich irgendwann entschieden, ach was, eigentlich entschied er sich immer wieder. 22-jährig war er zum FC St. Pauli gewechselt, als unbekannter Bayer in den hohen Norden, angeworben vom knurrigen Uli Maslo. Und er trug mit Unterbrechungen bis 2010 das braune Trikot. Meggle wechselte zu 1860 und kehrte zurück, Meggle wechselte zu Hansa Rostock und kehrte zurück. Die Fans verziehen ihm diese Verirrungen, zu gut kam er an und sein unbedingtes Sichzerreißen, sein Humor, sein feines Spiel. Der Regisseur bestritt 174 Partien für den FC St. Pauli. Er traf dreizehnfach zum Aufstieg 2001, er traf für die Weltpokalsiegerbesieger, sein Karrierefinale veredelte er sich unter Holger Stanislawski mit den Aufstiegen in die zweite und die erste Liga. 35-jährig trat Meggle ab, und knieverletzt. Die Fans wählten ihn sofort in ihre Jahrhundertelf.

»Heute ist kein Tag für Witze«

Mittlerweile ist Meggle 39 Jahre alt, aber sie rufen ihn immer noch Meggi, gesprochen: Mäggi, seiner bedachten, bärigen Art wegen. Es ist ein Kosename, der liebevoll gemeint sein soll, aber als Trainer braucht man auch Autorität. Bei seiner Begrüßungspressekonferenz sagte Meggle deshalb: »Heute ist kein Tag für Witze.«

Wer Meggle während einer Trainingeinheit beobachtet, sieht ihm immer noch den Lehrling an, der er über Jahre gewesen ist. Übungen erklärt er eifrig, häufig ruft er: »Perfektion, Leute! Perfektion!« Meggle muss in seine Zweitligacheftrainerrolle hineinwachsen. Er muss einen Kompromiss moderieren aus Ernst und Witz, aus dieser ihm eigenen Ironie und der tabellensituationsgebotenen Seriösität. Es gibt grandiose Interviews von Meggle aus der Zeit, als Sport 1 noch DSF war und der Kiezklub nicht nur Kult, sondern auch pleite; Interviews, in denen die blödfragenden Feldreporter gar nicht merken, dass Meggle sie vorführt. Als Trainer verzichtet Meggle bisher auf diesen Stil, er zensiert sich. Im Abstiegskampf wird nicht geflachst, Ironie schießt keine Tore. Wenn, nein, falls der FC St. Pauli in der Tabelle steigt, steigt vielleicht auch die Humortoleranz bei Thomas Meggle. Im Moment braucht er keine Lacher, er braucht Punkte.

Zweitbester in Hennef

Thomas Meggle ist auf der Bank zwar emotional, aber trotzdem kein Lautsprecher. Bei Ansagen im Training leiert seine Stimme, auch das ist zu beobachten. Er hat seinen bayerischen Akzent abgelegt, aber nicht diese süddeutsche Gediegenheit bei der Satzbildung. Meggles Autorität ensteht erstmal über seinen Stallgeruch und über ausgewiesene Expertise. Meggle lebt und liebt St. Pauli, seine Spieler wissen das. Den Trainerlehrgang in Hennef schloss er als Zweitbester ab. Auch das wissen seine Spieler.

Sie haben die ersten zwei Begegnungen unter seiner Regie verloren, sich gegen Braunschweig zum Sieg gekämpft und in Frankfurt in letzter Minute ein Remis geholt. Man könnte sagen: Es ist ein Anfang gemacht. Nach der Trainingseinheit an jenem Donnerstag bleibt Meggle noch auf dem Rasen stehen, um Okan Kurt und Andrej Statsev beim Flankenschlagen zu beobachten, zwei Junioren, die er in die Startelf gehievt hat. Er plauscht mit einem Rentner, schüttelt ein paar Hände und will dann, danach gefragt, was er sich von Stanislawski, Schubert und Fronzteck abgeschaut hat, nicht so richtig raus mit der Sprache. Nichts Explizites, antwortet er schließlich. Thomas Meggle will sich nicht mehr über andere definieren, Thomas Meggle ist kein Lehrling mehr. Thomas Meggle ist jetzt Chef.