Kann man den Klassenerhalt kaufen?

Geld schießt (keine) Tore

Die Gladbacher Verantwortlichen haben eine Menge Geld in die Hand genommen, um den Klassenerhalt doch noch zu schaffen. Entscheidet Geld den Abstiegskampf? Darüber streiten sich unsere Autoren vehement. Kann man den Klassenerhalt kaufen?Imago Pro

Es gibt einen Satz im Fußballjargon, der ist so alt, dass ihn wahrscheinlich schon die Kollegen in der Steinzeit sagten, als sie mit Keule bewaffnet darum Fußball spielten, wer das beste Stück vom Mammut bekommt. Nein, es ist nicht der Satz: »Ein Lothar Matthäus kann jeder Mannschaft helfen.« Es ist der Ausspruch: »Geld schießt keine Tore.«

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Der Satz ist natürlich richtig, weil es in der Tat nur schwer vorstellbar ist, dass ein 20-Euro-Schein das Leder gekonnt über die Linie drückt. Was Sportreporter damit sagen wollen ist vielmehr, dass nicht unbedingt die Mannschaften gewinnen, die am meisten Geld ausgeben für ihre Akteure. International untermauern die Bundesligisten diesen Satz in jedem Jahr, wenn etwa Werder Bremen (Etat: 48 Millionen Euro) in der Champions League an Antonis Famagusta (fünf Millionen) scheitert. National wird der Satz gerne ins Gegenteil verkehrt, wenn etwa der FC Bayern durch Tore von Luca Toni und Frank Ribéry Energie Cottbus besiegt. Sportschau-Moderatoren sagen dann mit einem leicht mitleidigen Gesichtsausdruck: »Geld schießt eben doch Tore.«

Erstaunlich ist allerdings, dass dieser Satz kaum dann verwendet wird, wenn es um die hinteren Plätze in der Tabelle geht – ganz so, als ob der Etat der Hinterbänkler keine Rolle spielen würde. Oder hat schon mal jemand beim Spiel Hannover 96 gegen VfL Bochum behauptet, dass Hannover nur deshalb gewinnt, weil der Etat höher ist. Wenn man nur wenig genug davon hat, dann schießt Geld anscheinend keine Tore mehr.

Ganz so einfach darf man es sich doch nicht machen. Am Tabellenende stehen ausschließlich Mannschaften, die auch in der Etatliste der Bundesliga hintere Plätze einnehmen: Hannover 96, Energie Cottbus, Karlsruher SC, VfL Bochum und Arminia Bielefeld. Einzig der Tabellenletzte Borussia Mönchengladbach hat in der Hinrunde bewiesen, dass man vergleichsweise viel Geld auch so schlecht ausgeben kann.

Das hat die Verantwortlichen veranlasst, einfach noch mehr Geld auszugeben. Der Verein verpflichtete ablösepflichtig Dante (2,5 Millionen Euro), Logan Bailly (2,5 Millionen) und Tomas Galasek (50.000). Dazu kommt noch Paul Stalteri von den Tottenham Hotspur. Diese Investitionen sollten ausreichen, um zumindest Bielefeld und Karlsruhe noch abzufangen, deren Winterausgaben sich auf 100.000 bzw. 450.000 Euro beschränkten.

Borussia Mönchengladbach wird sich retten und beweisen: Geld schießt nicht nur Tore, es verhindert auch den Abstieg.

Contra

Zugegeben, mit der Contra-Position hat man es in dieser Frage nicht leicht. Jeder Gast am Fußballstammtisch wird die Ablösesummen von Franck Ribéry und Luca Toni herunterbeten oder auf die Etatliste der Bundesligisten verweisen, die der Tabelle so verdammt ähnlich sieht: Bayern weit vorne, Cottbus weit hinten. Geld schießt eben doch Tore, Erfolg ist käuflich. Das sind die Regeln des Marktes.

Die Bundesliga wäre eine unglaublich dröge Veranstaltung, würden sich nicht trotzdem immer wieder Teams in den Tabellenkeller verirren, deren Etat mindestens für das Mittelfeld reichen sollte. Diese Mannschaften nehmen dann in der Winterpause noch mehr Geld in die Hand, um die Fehler der Hinrunde auszubügeln. Nicht selten steigen sie trotzdem ab.

Dafür gibt es prominente Beispiele: Vergangene Saison investierte der 1. FC Nürnberg in der Winterpause 1,2 Millionen Euro, um unter anderem Stürmer Jan Koller zu verpflichten. Der schoss in 14 Spielen zwei Tore, ließ sich von den Dortmunder Fans feiern, Nürnberg stieg ab. In der Saison 2006/07 gab Borussia Mönchengladbach gar 3,3 Millionen Euro aus, um wieder auf den rechten Weg zu kommen – und wurde Letzter. Noch ein Jahr früher erwischte es Köln: 1,6 Millionen Euro Ablöse im Winter, unter anderem für Marco Streller, der in 14 Spielen drei Tore schoss. Köln stieg als 17. aus der Bundesliga ab.

In der laufenden Saison ist erneut Gladbach das Team, dass sich trotz Mittelfeld-Etat (27 Millionen Euro) in den Keller verirrt hat. In der Winterpause hat die Borussia rund fünf Millionen Euro investiert. Unter anderem in einen brasilianischen Innenverteidiger, der in den vergangenen fünf Jahren in der französischen und belgischen Liga weit davon entfernt war, am Abstiegskampf teilzunehmen.

Das kann von Nachteil sein, weil Gladbach es mit echten Spezialisten auf diesem Gebiet zu tun bekommt: Bielefeld und Cottbus machen das Theater beinahe jede Saison mit, das Abstiegsgespenst ist Ehrenmitglied in den Vereinen. Bielefeld investierte in der Winterpause 100.000 Euro, Cottbus 450.000 Euro für neues Personal. Beide Teams fuhren in den vergangenen Spielzeiten gut damit, ihrem Stammpersonal zu vertrauen und die Ruhe zu bewahren. Im Winter lässt sich Geld ohnehin nur schwer sinnvoll ausgeben, weil nur wenige brauchbare Spieler auf dem Markt sind - viele Zukäufe sind Notkäufe.

Bielefeld und Cottbus haben erkannt, dass sich die Regeln des Marktes im Abstiegskampf ins Gegenteil verkehren können. Den Beispielen Nürnberg, Gladbach und Köln folgend, müsste es eigentlich heißen: Misserfolg ist käuflich. Oder auch: Wintergeld schießt keine Tore.