Kahns neues Buch

Feuer aus, kein Licht mehr

Psychotricks, Pinkelattacke und Rasenpflege mit der Nagelschere: In seinem zweiten Buch verrät Oliver Kahn weit mehr als nur sein Erfolgsrezept. SZ-Kollege Peter Stein hat es sich einverleibt. Kahns neues BuchImago »Ich spüre überhaupt nichts mehr außer Anspannung und Angst. Quälende Angst. [...] Keine Kraft, keine Power. Mein Herz beginnt zu rasen, mein Puls trommelt wie wahnsinnig. Das ist die Hölle. Eine innere Hölle. Meine Hölle. Ich kann nicht mehr!» Schreibt Oliver Kahn über sein Innenleben bei einem Champions-League-Spiel im Herbst 1999. Wenige Monate vorher hat er sein Ziel erreicht. Er ist der Beste, er ist Welttorhüter des Jahres. Doch statt des erhofften Glücksgefühls macht sich Leere breit. Kahn hat ein Burnout.

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Der Torwart-Titan hat in seiner Karriere alles miterlebt, oder um es in den Worten des Klappentextes zu sagen, eine extreme Karriere, in einem extremen Beruf mit extremen Erfolgen und extremem Scheitern hinter sich. Eigentlich gäbe es genug Stoff um, von rauschenden Europokalnächten und ausgelassenen Siegesfeiern zu berichten. Doch das tut er nicht, und genau darin liegt die Stärke seines Buches.

Die Tunnel-Methode

»Ich. Erfolg kommt von Innen« ist vielmehr eine Ratgeber als eine Autobiografie. Der Torhüter, stellt psychologische Tricks und Denkmodelle wie den »Power-Cube« und das »Power-Thinking« vor, die ihm zum Erfolg verholfen haben. Er philosophiert über das soziale Umfeld und Zielsetzungsstrategien. Angereichert mit Anekdoten, gelingt ihm, was eine herkömmliche Biografie nicht leisten kann: Der Leser versteht, warum Kahn Kahn ist, wie er tickt und vor allem die Wandlung am Ende seiner Karriere.

Jahrelang zählte für Kahn nur der Erfolg, alles wurde ausgeblendet. Dass er von älteren Mitspielern für seinen Trainingseifer mit »Hau wieder ab, wo du her gekommen bist« beschimpft wird und sogar einmal unter der Dusche im wahrsten Sinne des Wortes angepinkelt wird, konnte ihn nicht aufhalten. Kahn nennt das die Tunnelmethode.

Mit dieser Einstellung schaffte er es vom dritten Jungendtorwart beim KSC in die Bundesliga und die Nationalmannschaft. Doch im Herbst 1999 scheint alles vorbei zu sein. »Feuer aus, kein Licht mehr am Ende des Tunnels«, sagt Kahn. Für den Torhüter wird dieser Tief- zum Wendepunkt, eine Entwicklung wird angestoßen. Kahn erkennt, dass Erfolg allein nicht glücklich macht und beginnt umzudenken. Er setzt sich nun auch Ziele, außerhalb des rein messbaren Erfolgs. Eine Wandlung, die darin mündet, dass er im Sommer 2006 beschließt, auch als Nummer 2 mit zur WM zu fahren.

Kahn setzt sich selbstironisch und kritisch, manchmal sogar schonungslos mit seiner eigenen Person auseinander. Mit einem Schmunzeln berichtet er, welche bizarren Züge sein Ehrgeiz manchmal entwickelte, auch in anderen Lebensbereichen. So wollte er »den perfekten Rasen« in seinem Garten züchten. »Mit jeder Formel von Hochleistungsdünger« und »Nagelschere« machte er sich an die Arbeit. »Wochenlang schnitt, bürstete, wässerte und mähte ich die Grashalme mit einer Leidenschaft, die eigentlich in meiner Nachbarschaft so langsam für Verwirrung hätte sorgen müssen. [...] Jeden Abend saß ich auf meiner Terrasse und betrachtete mein Kunstwerk.«

Wikipedia, Bohlen und Kant


In »Ich. Erfolg kommt von innen« konzentriert sich Kahn wieder ganz auf sich. Obwohl er selbst einräumt, dass seine Tunnelmethode auf Dauer nicht gut ist, wendet er sie in seinem Buch an. So bleiben seine Mitspieler außen vor. Lediglich Stefan Effenberg lobt er im Kapitel über »Körpersprache« als Vorbild. Da ist er wieder, der Einzelkämpfer Kahn.

Auch zwei weitere Bereiche klammert sein Buch vollständig aus, die untrennbar mit seiner Karriere verbunden sind. So verliert er über das Verwirrspiel mit Ehe-Frau Simone und Freundin Verena keinen Satz. Seine Attacken und Ausraster auf dem Feld – Nasenstüber gegen Miroslav Klose, das Würgen gegen Thomas Brdaric oder den Kung-Fu-Tritt gegen Stephan Chapuisat – listet Kahn zwar feinsäuberlich auf, tut sie aber mit einem Satz ab: Da habe ich meine Rollen »etwas intensiver ausgelebt«.

Ohnehin kommt das 350 Seiten starke Buch stellenweise ziemlich hölzern daher. Nicht nur weil Kahns Sprache mit Wortneuschöpfungen wie »Mega-Ellenbogenspezialist« an Dieter Bohlen und dessen »Experte in Pimmelfragen« erinnert. Holprig wird es vor allem dann, wenn Kahn versucht, wissenschaftliche Arbeit abzuliefern. Da nimmt er Definitionen »wie immer« aus der Internet-Wnzyklopädie Wikipedia und überlädt diese mit philosophischen Ansätzen von Aristoteles und Imanuel Kant. Ein ungleiches Nebeneinander, welches das Buch in die Nähe eines ausgearbeiteten Schülerreferats rückt.

Schade, denn eigentlich hätte es weder das eine noch das andere benötigt. Denn lernen kann man in diesem Buch und von diesem Oliver Kahn eine ganze Menge.