Juves erstaunliches Erfolgsgeheimnis

Leben in Veränderung

In Italien ist Juventus Turin quasi unbesiegbar, in der Champions League können sie sich heute krönen. Weil die Turiner eine entscheidende Sache anders machen als andere Spitzenklubs.

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Am Ende sollten seine Wünsche erfüllt werden, aber da wa es schon zu spät. Trainer Antonio Conte hatte noch während der Saisonvorbereitung wutentbrannt seinen Rücktritt bekannt gegeben, weil es so aussah, dass er seine Wunschspieler nicht bekommen und seinen verlängerten Arm auf dem Feld verlieren sollte. Arturo Vidal blieb dann doch noch ein Jahr und die von Conte so sehnlich gewünschten Patrice Evra und Juan Cuadrado (wenn auch ein Jahr später) heuerten auch in Turin an. 

Entscheidungen gegen Juventus vor Ende des Transferfensters zu treffen, ist nie eine gute Option. In jedem Sommer herrscht geschäftiges Treiben, kein anderer europäischer Spitzenklub verändert seine Mannschaft so regelmäßig und so konsequent wie die Turiner. Dahinter steht die Philosophie, das Team schon zu erneuern, wenn es noch erfolgreich ist. Juventus wartet nicht, bis eine Mannschaft ihren Zenit überschreitet. »Nur die Allerwichtigsten werden für eine bestimmte Zeit behalten, drum herum wird viel ausgetauscht«, sagt Jürgen Kohler, in den Neunzigern selbst vier Jahre für Juve aktiv. 1993 siegte er mit dem italienischen Rekordmeister im Finale des Uefa-Cups gegen Borussia Dortmund. Als Juventus drei Jahre später die Champions League gewann, war Kohler schon nicht mehr dabei.

»Der letzte Biss geht irgendwann verloren«

Auch Roberto Baggio, der Mann mit dem Zopf, zu dieser Zeit einer der Weltbesten, wurde ziehen gelassen. Überhaupt standen 1996 nur noch zwei Spieler in der Startformation gegen Ajax Amsterdam, die auch 1993 von Beginn an gegen Dortmund aufliefen, Torhüter Angelo Peruzzi und Stürmer Gianluca Vialli. Von den Champions-League-Sieger schafften es dann nur noch fünf Mann zwei Jahre später in die erste Elf, die in Amsterdam das Finale gegen Real Madrid verlor. Jenen Gegner, den Juve heute in Cardiff bezwingen will. »Wichtig ist, Spieler zu holen, die noch hungrig auf Titel sind. Gerade für so erfolgreiche Klubs wie Juventus«, sagt Kohler. In den vergangenen fünf Jahren gewannen die Norditaliener immer die Meisterschaft, dazu drei Mal den Pokal. In Italien ist die Situation derzeit ähnlich wie in Deutschland, Juventus ist der Konkurrenz entwachsen. Klar, dass bei dem ein oder anderen die Motivation sinkt. »Das ist die größte Gefahr. Auch wenn man es als Spieler nicht will, aber der letzte Biss geht irgendwann verloren«, sagt Kohler.

Mit erneuerter Mannschaft will Juventus heute zum ersten Mal seit 21Jahren wieder die Champions League gewinnen. Dafür wurde vergangenen Sommer viel Geld investiert. Allein für Stürmer Gonzalo Higuain überwiesen die Verantwortlichen mehr als 90 Millionen Euro an den SSC Neapel. Voraussichtlich werden nur vier Spieler, die vor zwei Jahren gegen Barcelona das Finale beginnen, heute wieder unter den ersten Elf sein. Die starke Saison ist umso bemerkenswerter wenn man bedenkt, wen Juve zwischen 2015 und 2017 alles abgegeben hat. Andrea Pirlo, Carlos Tevez, Arturo Vidal, Paul Pogba. Pogba kam 2011 ablösefrei aus Manchester von United.

»Ich denke, dass sie die Champions League gewinnen«

Ein typisches Beispiel für die oft verhältnismäßig günstigen Einkaufstouren. Juve schielt regelmäßig auf ablösefrei Spieler. Neuestes Vorzeigeobjekt dieser Politik ist Dani Alves, den Barcelona nach acht Jahren ohne Gegenleistung ziehen lies. Von Alves hieß es, er hätte seine beste Zeit längst hinter sich. Auch das ist Juventus. Etwas in Spielern zu sehen, das kein anderer mehr erkennt. Im Fall von Pogba war es ähnlich gewesen. »Ich denke, dass sie die Champions League gewinnen werden«, sagt Kohler. »Dann müssen sie in der Verteidigung aber wirklich was machen. Der Altersdurchschnitt ist einfach zu groß.« In Turin schockt das niemanden. Nichts ist bei Juventus so gewöhnlich wie die Veränderung. 

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