Julian Brandt beim DFB

Lichtblick in einer düsteren deutschen Fußballepoche

Vor der Weltmeisterschaft von vielen noch als einer von Löws Streichkandidaten gehandelt, gerade im Vergleich zu seinem Konkurrenten auf der Außenbahn Leroy Sané, wurde er während des Turniers in Russland schon zu einem der wenigen Lichtblicke in einer ansonsten düsteren Epoche der deutschen Fußballhistorie. Brandt brachte Spielwitz, Überraschungsmomente und Durchschlagskraft in eine monoton, ja arrogant auftretende deutsche Nationalmannschaft. Auch wenn er zwei Mal nur den Pfosten traf.

Arroganz hingegen ist so ziemlich das letzte, was man ihm vorwerfen kann. Er wolle nicht protzen, sondern sich auf den Fußball konzentrieren, sagte er der Frankfurter Rundschau. »Wenn ich mir Tattoos stechen lassen würde, würde meine Mama mich wahrscheinlich umbringen.« Zu 11FREUNDE sagte er mal: »Ich bin ein zurückhaltender Mensch«, der lieber auf dem Platz überzeugen wolle, statt mit großen Worten.

Das wünscht sich auch Joachim Löw. Der Trainer der Nationalmannschaft hat nach den dem Vorundenaus, #ZSMMN und Mesut Özil die Diskussionen abseits des Platzes satt. Kein Wunder, schließlich drehten sie sich zu einem Gutteil auch um seine eigene Person. Ganz Brot und Spiele-mäßig sind ansprechende Leistungen auf dem Spielfeld dafür das beste Gegenmittel. 

Breite Schultern und eine große Chance

Brandt kommt dabei eine große Rolle zu. Als eine der wenigen positiven Erscheinungen soll er zur tragenden Säule beim Neuaufbau aus den Trümmern der Weltmeisterschaft werden. Die »10« hat er sich nicht ausgesucht, Löw hat sie ihm angeboten. Brandt sagt: »Ich habe breite Schultern. Ich glaube, ich passe da rein.« Gesundes Selbstvertrauen gepaart mit Übersicht, Führungsqualitäten und Loyalität dürften auch Löw hoffen lassen: »Wir wollen dem Trainer das Gefühl geben, dass er weiter auf uns bauen kann«, sagte Brandt vor dem Frankreich-Spiel, »und dass wir weiter auf ihn bauen.«

Auch wenn Oliver Bierhoff warnte, man dürfe den 22-Jährigen noch nicht mit einer Führungsrolle überfordern - würde der Trainer nicht an ihn glauben, hätte er ihm das Trikot nicht gegeben. Und mit ihm die große Chance, all das zu werden, was seine Vorgänger waren – und noch mehr. 

Um zu reparieren, was bei der Weltmeisterschaft kaputtging. Um seinen Vorgänger Özil zu rächen, von dem er nach dem Ausscheiden sagte: »Mesut ist nicht der Grund, warum wir ausgeschieden sind. Nur auf ihn einzudreschen ist falsch.« Und um die reiche Tradition der Nummer Zehn fortzuführen. Auch wenn er vermutlich nicht mehr von Rechts- auf Linksfuß umschulen und wohl nie so streitbar wird, wie Mesut Özil es war. Ist aber wahrscheinlich besser so.

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