Julen Lopetegui und die Real-Krise

Zerkleinert vom Fleischwolf

Unter Julen Lopetegui präsentiert sich Real Madrid historisch schlecht, die Fans geben ihm nur noch wenige Tage. Was sind die Gründe für das Missverständnis?

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Während sie pfiffen und laute Buuhh-Rufe von sich gaben, hielten viele Besucher auf der Tribüne des Estadio Santiago Bernabeú ihre Hand hoch und spreizten die Finger. »Cinco dias mas«, riefen sie voller Wut in Richtung von Julen Lopetegui, der sich schnell ins Stadioninnere verzog. Cinco dias mas. Fünf Tage mehr. 

In fünf Tagen findet das prestigeträchtigste Fußballspiel Europas statt, der Clasico. Real Madrid reist dann zum FC Barcelona. Dass Lopetegui dann noch Reals Trainer sein darf, sei einzig dem knappen 2:1 gegen Viktoria Pilsen geschuldet, wollten die Fans mit ihrer Geste signalisieren. Mehr als ein kurzer Aufschub des Unvermeidlichen sei der zusammengeklaubte Sieg gegen die Tschechen nicht. 

So etwas hatte es in der 116 Jahre währenden Historie des Klubs nie gegeben. 

Kommenden Montag, vielleicht schon gar am Sonntag, dürfte die kurze Leidenszeit von Lopetegui bei Real vorbei sein. Es gilt als beschlossen, dass der Trainer dann ersetzt wird. Lediglich ein deutlicher Sieg beim Erzrivalen könnte Aufschub gewähren. Aber davon geht niemand aus. Real Madrid ist im Herbst 2018 so schlecht wie vielleicht noch nie in diesem Jahrtausend. In der Liga liegt man auf Platz sieben. Erst am Sonntag beendete Marcelo mit seinem Tor gegen Levante eine Leidenszeit, die wettbewerbsübergreifend exakt acht Stunden und eine Minute dauerte. So lange war Real ohne Torerfolg geblieben. So etwas hatte es in der 116 Jahre währenden Historie des Klubs nie gegeben. 

Eine solche Bilanz würde man in Spanien eher Huesca oder Valladolid zuordnen. Aber nicht mal gegen Mannschaften aus diesem Bereich der Primera Division reicht es gerade. Das Spiel gegen Levante wurde verloren (1:2), genau wie zuvor in Alaves (0:1). Auch der jüngste Auftritt gegen Pilsen war so wacklig, dass der Kolumnist Carlo Carpio in der »Marca« einen Kübel Spott über die weißen Trikots kippte. »Es fällt schon verdammt schwer zu sagen, wo Real schlechter ist: in der eigenen Hälfte oder in der des Gegners.« Über das Tor der Tschechen schrieb er: »Mir wird während meines Heimwegs auf der Straße mehr Gegenwehr entgegengebracht als es Casemiro, Sergio Ramos und Nacho gegen Hrosovsky taten.« 

»Vielleicht, weil ihr nicht wisst, wie man Fußball spielt.« 

So geht das seit Wochen. Die Schreiber in der spanischen Hauptstadt zeigen deutlich mehr Kreativität bei der Ausübung ihrer Arbeit als es die Spieler des erfolgreichsten Klubs Europas tun. Nach dem Spiel gegen Pilsen kulminierte der Frust darüber in einem rummeniggeesken Auftritt Marcelos, der die Journalisten anblaffte: »Ihr versucht nur Zwietracht zu säen. Vielleicht, weil ihr nicht wisst, wie man Fußball spielt.« Danach nahm ein hitziges Wortgefecht seinen Lauf.