Jürgen Klopp versus Thomas Tuchel

Schlechter Verlierer nach Remis

Mainz erzielte das späte 1:1 gegen Dortmund, nachdem BVB-Verteidiger Subotic den Ball in den Unterleib bekommen hatte. Ein unmoralisches Tor, echauffierte sich Klopp. Und offenbarte damit, wie sehr er unter Druck steht. Jürgen Klopp versus Thomas Tuchel Das Spiel zwischen Borussia Dortmund und dem FSV Mainz 05 ging unentschieden aus, 1:1. Verlierer gab es also, statistisch gesehen, nicht. Jürgen Klopp vollbrachte das Kunststück, dennoch einer zu sein. Man könnte sogar sagen: ein schlechter.  

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Immerhin hatte seine Mannschaft durch den späten Ausgleich zwei Punkte eingebüßt. Es war das vierte Remis in der Rückrunde, eine Niederlage steht zu Buche – was bei fünf Siegen im selben Zeitraum immer noch eine tolle Bilanz ist. Aber wer so hoch geflogen ist wie die Dortmunder in den ersten 18 Spielen, dem kommt sogar das offenbar durchwachsen vor.  

In der Rückrundentabelle sind sie tatsächlich nur Vierter, und als wäre die Saison damit vorbei, stürzte Jürgen Klopp an den SKY-Tresen und ließ seiner Enttäuschung freien Lauf. Allzu freien Lauf.  

»Das ist nicht witzig, Franz!«

Erst schob er Franz Beckenbauer und dessen Satz »So, jetzt könnt ihr weiter streiten« mit den Worten »Das ist nicht witzig, Franz!« beiseite, als wäre dieser ein zufällig im Wege herumstehender Mümmelgreis, der seinen Studioaufenthalt im Preisauschreiben gewonnen hatte. Tatsächlich war es ja nicht witzig, sondern diplomatisch gemeint: Tragt es aus, Jungs, und dann lasst es gut sein.  

Doch die Nonchalance des Kaisers verlor sich wie ein dünnes Parfüm im Stunk des BVB-Trainers, der nicht wahrhaben wollte, dass das Spiel vorbei war. Er wollte das 2:1, er wollte Thomas Tuchel, der in Erwartung des Schlages die Deckung hochzog, in der Verlängerung besiegen. 

Das Fair Play mit Füßen getreten?

Das 1:1, das Jürgen Klopp so ärgerte, war gefallen, nachdem dem armen Neven Subotic der Ball aufs Skrotum geklatscht und er mit Vernichtungsschmerz zusammengebrochen war. Die Mainzer spielten weiter. Hätten sie den Ball ins Aus kicken müssen? Haben sie, weil sie es nicht getan haben, das Fair Play mit Füßen getreten? Haben sie überhaupt gesehen, dass Subotic am Boden lag? 

Ja, ja, ja, sagte Jürgen Klopp. Nein, nein, nein, sagte Thomas Tuchel. Zwischen diesen Extremen entspann sich ein Wortgefecht, das – man kam nicht umhin, es zu fühlen – auch etwas von einem Vater-Sohn-Konflikt hatte. Klopp gegen Tuchel, seinen Zögling und Nach-Nachfolger beim FSV, der vor dem Spiel noch laut geträumt hatte: »Wenn wir uns öfter sehen würden, könnten wir Freunde sein.«  

Nun werden sie sich wahrscheinlich eher seltener sehen und auch erst einmal keine Freunde mehr. »Für mich ist der ganze Jubel und dass ihr draußen überhaupt nichts gesehen haben wollt, das Problem«, hub Klopp an. »Ihr habt Subotic liegen sehen, aber alle waren sie da und haben gejubelt, und es war scheißegal, dass dort einer liegt. Ich, und das kann ich jetzt beschwören, wäre leicht beschämt gewesen in dieser Situation. Ganz bestimmt.« Und Tuchel, erschrocken, aber tapfer, insistierte: »Ich finde es Quatsch, den Moralischen zu geben, wenn ein Spieler von dir den Ball in den Unterleib bekommt. Das ist kein Foulspiel, und es liegt keine gesundheitliche Gefährdung vor. Das ist dann eine Unterstellung, und ich finde es nicht okay, dass du sagst, wir müssen uns dafür schämen.«  

Scham: ein hoher Begriff. Zumal wenn man sie von anderen einfordert. Du solltest dich was schämen, mein Sohn – da war er wieder, der Vater in Klopp. Doch wer darf im Fußball was vom anderen erwarten? Das lässt sich recht leicht beantworten, wenn man die Parteien umtauscht, wenn also einem Mainzer in den Unterleib geschossen worden und es an den Dortmundern gewesen wäre, den Ball ins Aus zu spielen. Die Antwort lautet: Nichts darf man erwarten.

Erst kommen die Punkte, dann kommt die Moral

Jürgen Klopp
hätte dieses hypothetische 2:0 wahrscheinlich mitgenommen. Ein nicht ganz sauberes, ja, ein schmutzige Tor. Aber wer ist Klopp, dass er nicht wüsste, dass man schmutzige Dinge tun muss, um den ultimativen Erfolg zu erlangen? Per asperum ad astra – der Mann war doch selbst mal ein eisenharter Vorstopper! Erst kommen die Punkte, dann kommt die Moral. Dass er das im SKY-Studio nicht mehr zu abstrahieren wusste, machte ihn – für diesen Moment – zu einem schlechten Verlierer.  

Halten wir Jürgen Klopp zugute: Der Druck, unter dem er steht, muss gigantisch sein. In Dortmund warten sie seit Weihnachten, dass sie den Sekt endlich köpfen können, die bloße Idee, dass es mit der Meisterschaft doch nichts werden könnte, löst Panik aus. Und wer sich erinnert, wie knapp Klopp 2002 und 2003 noch als Mainzer Trainer den Aufstieg verpasste, kann sich vorstellen, wieviel Lust er hat, bei einer Siegerparty noch einmal zugucken zu müssen. Dieser Mann will so unbedingt Meister werden wie niemand vor ihm. 

Da darf einer dann auch mal ein schlechter Verlierer sein. Wir freuen uns auf einen umso besseren Sieger.

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