Joshua Kimmich, die neue Geheimwaffe?

Prädestinierter als Höwedes

Trotzdem hat sich nach den ersten beiden EM-Spielen eine Bürgerbewegung »Pro Kimmich« formiert, die sich für die Ablösung von Benedikt Höwedes stark gemacht hat. Joachim Löw ist kein Freund davon, die Aufstellung basisdemokratisch ermitteln zu lassen.

Und seine Einlassungen vor dem Nordirland-Spiel haben nicht unbedingt darauf hingedeutet, dass er dem Willen des Volkes folgen würde. Aber die Erfahrung zeigt auch, dass sich eine Mannschaft im Laufe eines Turniers verändert. Das war 2008 bei der EM so, als Löw nur widerwillig von seinem 4-4-2-System auf ein 4-2-3-1 umstellte.

Nur Kroos mit mehr Ballkontakten

Das war vor zwei Jahren in Brasilien so, als er sich lange weigerte, Philipp Lahm in die Viererkette zurückzuziehen. Und das könnte auch jetzt mit Joshua Kimmich so sein. »Es war genau die richtige Entscheidung vom Coach, ihn zu bringen«, hat Benedikt Höwedes auf seiner Facebook-Seite geschrieben. »Wir waren gefährlicher im Spiel nach vorn.«

Kimmich (104) war neben Toni Kroos (145) der einzige Spieler auf dem Platz, der auf mehr als 100 Ballkontakte kam. Anders als in den ersten beiden Begegnungen lief diesmal deutlich mehr über die rechte Seite als über die linke.

Das lag auch oder vor allem an Kimmich. »Ich habe ihn sehr gut gesehen«, sagte der Bundestrainer. »Er hat sehr gute Wege gemacht, war anspielbereit und hat immer wieder den Abwehrspieler beschäftigt.« Niemand schlug mehr Flanken als Kimmich (neun), mit seinen Zuspielen, hoch oder flach, bereitete er vier gute Torchancen vor.

Prädestinierter als Höwedes

So ging der Abend mit einigen positiven Erkenntnissen zu Ende: Mesut Özil hat wieder Lust am Fußball, Mario Gomez schießt selbst gegen ultradefensive Mannschaften Tore, und Joshua Kimmich taugt auch als Rechtsverteidiger. Aber alle positiven Erkenntnisse waren gewissermaßen mit einem Sternchen versehen und der Anmerkung: Bitte nicht vergessen, es war nur Nordirland.

Im Grunde ist noch gar nicht abschließend geklärt, ob Kimmich wirklich zum Rechtsverteidiger taugt – weil er gegen die Nordiren nicht als Rechtsverteidiger spielte, sondern als Rechtsaußen. In der Defensive wurde er nicht ernsthaft gefordert.

In dieser Teildisziplin gilt Höwedes ohnehin als stärker; aber für einen Gegner wie Nordirland brauchte Löw explizit andere Qualitäten, da hielt er Kimmich für »prädestinierter als Höwedes«. Im Achtelfinale, wenn der nächste defensive Gegner wartet, wird es wohl wieder so sein.

Benedikt Höwedes hat bei Facebook über seine Versetzung auf die Bank geschrieben: »Wir müssen uns alle dem großen Ziel unterordnen und alle die Egos hintanstellen. Es ist normal, wenn andere Spieler hin und wieder Einsatzzeit bekommen.«

Das hört sich generös an, impliziert aber auch, dass er sich immer noch als Stammkraft hinten rechts sieht, der »hin und wieder« zurückstehen muss. Wenn er sich da mal nicht täuscht.