Johan Micoud zum 45. Geburtstag

Wie Micoud die Liebe zurück brachte

Als Werder-Fan hatte man sich fast an die in der Vereinshymne besungenen »Jahre voller Frust« gewöhnt. An die neue Mittelmäßigkeit, an Fußballspiele, die weniger Spektakel als lähmenden Arbeitseinsätzen glichen. Werder – das war Ende der Achtziger bis Mitte der Neunziger auch immer das Versprechen auf Stadionbesuche, die einen knallverliebt bis ins Mark erschüttert auf den Heimweg schickten. Davon war 2002 nicht mehr viel übrig. Johan Micoud brachte die Liebe zurück ins Weserstadion.

In seiner ersten Saison machte er 28 Liga-Spiele, schoss fünf Tore, gab acht Vorlagen, sah siebenmal Gelb, einmal Gelb-Rot, einmal Rot. Wenn Micoud auf dem Platz stand, dann passierte was. Vielmehr braucht es nicht, um Fans glücklich zu machen.

Obwohl, doch. Tore, Siege und Triumphe. In seiner zweiten Saison führte Micoud Werder zum Double aus Meisterschaft und Pokalsieg. Mein Gott, dachten die Fans auf den Rängen, wie hatte er das nur geschafft? Um ihm Respekt zu erweisen, nannten sie ihn »Le Chef«, den Boss. Um ihm ihre Liebe zu zeigen, sangen sie das Ende des Beatles-Klassikers »Hey Jude« mit seinem Namen: »Shaa-la-la-lalalalaa-shaa-la-la-la – Miiicouud…« Das war so schön, dass selbst den härtesten Klötzen in der Kurve die Nackenhaare zu Berge standen.

Die Fans spürten die »Freiheit des Geistes«

Dank Micoud war Werder Bremen Deutscher Meister geworden. Eigentlich hätte er jetzt auch nur noch Eigentore schießen, zum HSV wechseln oder mit geschlossenen Augen spielen können, die Bremer hätten ihm das alles verziehen. Doch Micoud dirigierte und begeisterte weiter. Erst 2006 verließ er den Verein wieder. Da war Werder nicht nur zurück in der Spitzengruppe des nationalen Fußballs, sondern auch eine Marke, ein Lebensgefühl. Wer es mit den Bremern hielt, der machte dadurch auf eine bestimmte undefinierbare Art und Weise seine eigene Sympathie für die »Freiheit des Geistes« deutlich. Ist es eine Überraschung, dass Werder Bremen Mitte der Nuller gerade unter Studenten eine schon fast beängstigend große Gefolgschaft hatte?

2018 wirkt das alles ganz weit weg. Kreativ, neu und aufregend sind jetzt andere Mannschaften. Werder ist zurück im grauen Mittelfeld. Thomas Schaaf ist nicht mehr Trainer. Die neue Hoffnung im Mittelfeld heißt Kevin Möhwald. Wäre dieser Text ein Comic, würde hier jetzt ein großes fettes »Seufz« stehen.

Johan Micoud spielt längst kein Fußball mehr. Er besitzt ein Weingut und bestimmt sitzt er dort den ganzen Tag mit einem Panama-Hut auf dem markanten Schädel, hält seine Nase in große Gläser, liest ein interessantes Buch, streichelt mit dem einen Fuß seinen Hund und mit dem anderen einen Ball. Und vielleicht hört er das Geburtstagsständchen, wenn er die Augen schließt und die Ohren spitzt: »»Shaa-la-la-lalalalaa-shaa-la-la-la – Miiicouud…« Herzlichen Glückwunsch zum 45. Geburtstag, »Le Chef«!