Jogi Löw definiert mit dem WM-Sieg eine Ära

Löw hat eine Ära definiert

Auch der in der Rückschau längst historische Moment des Sonderlehrgangs hatte damit zu tun. Joachim Löw erklärte dem begeisterten Jürgen Klinsmann in wenigen klaren Worten, wie eine Vierkette funktioniert. Als die Revolution der deutschen Nationalmannschaft 2004 unter dem Change-Manager Klinsmann begann, machte er nicht zuletzt deshalb Löw zu seinem Co-Trainer und Chefstrategen.  

Die beiden, vor allem aber Löw als Bundestrainer profitierten ungemein davon, dass in der Folge des Desasters der Euro 2000 weitsichtige Kräfte im deutschen Fußball begonnen hatten, den Klubs eine teure Nachwuchsarbeit aufzuzwingen. Immer weniger mussten sie den Mangel verwalten, immer mehr ging es darum, mit einer Fülle von Talenten umzugehen. Vor allem bei der rauschhaften WM 2010 in Südafrika, als die Spieler um den Newcomer Thomas Müller durch das Turnier zu fliegen schienen.

Nicht wenige wollten unschönen Fußball und dafür Titel

Es ist mit Blick auf den Titelgewinn 2014 erstaunlich, wie stark trotzdem die Zweifel an Löw blieben. Besonders heftig wurden die Abstoßungsreaktionen nach der Europameisterschaft 2012, vor der Löw verkündet hatte, dass man Titel nur mit schönem Fußball holen könne. Das klang für viele Fans wie ein Verrat an der eigenen Fußballgeschichte, die doch geprägt von so viele Moment des Triumphes ohne Glanz. Sie sträubten sich, als wolle da jemand in die DNA des deutschen Fußballs eingreifen. Und nicht wenige wollten, wie immer das gehen sollte, dann doch lieber unschönen Fußball und dafür Titel.

Während des Turniers in Brasilien wurden die Änderungen nach dem Achtelfinale gegen Algerien, also die Rückversetzung von Philipp Lahm in die Abwehr und das Spiel mit dem »echten Neuner« Miroslav Klose, daher vielfach als pragmatische Wende eines gefährlichen Ideologen interpretiert. Fast schien ein Seufzer der Erleichterung durchs Land zu gehen, dass dieses Turnier aus deutscher Sicht keines mehr der eleganten Spieler war, wie Mesut Özil und Mario Götze, sondern eines der Rackerer wie Müller, Klose und sogar Benedikt Höwedes.

Von daher war es natürlich eine hübsche Pointe, dass gerade einer der bezweifelten Spieler, der als »falscher Neuner« latent ungeliebte Götze das Finale entschied. Und das mit einem Treffer von sublimer Eleganz. Es war zudem ein Spiel, in dem Löw, wie während des gesamten Turniers, auf alle strategischen Herausforderungen richtig reagierte. Von seiner Reaktion auf Sami Khediras kurzfristigen Ausfall über die Verletzung seines Ersatzes Christoph Kramer bis zur Einwechselung von André Schürrle und Götze, die das siegbringende Tor machten. Löw hatte die Mannschaft auch sonst perfekt auf eines der intensivsten Spiele der Fußballgeschichte vorbereitet.

Löw definiert eine Ära, die noch lange nicht vorbei ist

Dieser Bundestrainer hat in Brasilien keinesfalls seine Ideen geopfert. Aber er hat sie erweitert, wie er das auf seinem langen Weg beständig getan hat. In Brasilien war zentral der Begriff des Teamgedankens, wohl auch, weil er 2012 in Polen zwischen den Spielern aus München und Dortmund Fraktion zerrieben worden war. Außerdem waren alle bereit zum Leiden, im Finale allen voran der Schmerzensmann Bastian Schweinsteiger. Auch der Bundestrainer selbst, der es sich so gerne gemütlich macht, war das Turnier als einen Weg des Willens angegangen. Alle Zweifel an ihm und seinem Weg dürften damit endgültig verflogen sein. Die Geschichte des deutschen Fußballs vor seiner Zeit hat endlich Ruh'. Mit dem Finalsieg in Maracana hat Joachim Löw eine Ära definiert – und sie ist noch lange nicht vorbei.

Am Tag vor dem Finale zeigte das ZDF eine Szene, in der sich Joachim Löw hinunterbeugte, um vor einem der Spiele in Brasilien die Qualität des Rasen zu überprüfen. Dann schnitten sie auf historische Bilder von Sepp Herberger um, wie der sich erhob, nachdem er den Zustand des Finalrasens 1954 im Berner Wankdorf-Stadion überprüft hatte. Die Assoziation, die damit geweckt werden sollte war klar: die Leute vom Fernsehen ließen den Mantel der Geschichte wehen.