Jörg Berger im Interview

»Ich habe die Stasi unterschätzt«

Vor 30 Jahren floh Jörg Berger vom Osten in den Westen Deutschlands. Doch in der ersehnten Freiheit blieb er ein Gejagter. Hier spricht er über den langen Arm der Stasi, zerstochene Auto-Reifen und vergebliche Warnungen an Lutz Eigendorf. Jörg Berger im Interviewimago images
Herr Berger, Otto Rehhagel hat Sie 1983 erst nach Informationen über Lok Leipzig ausfragt und anschließend zum Dank ins Weserstadion eingeladen. Sie lehnten ab. Warum?

Ich hätte mich damit zur Zielscheibe für die Stasi gemacht. So offensiv wollte ich mich dem DDR-System nicht präsentieren.

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Rehhagel hat das damals allerdings überhaupt nicht verstanden.


Otto hat nie geglaubt, dass der Arm der Stasi bis nach Bremen reichen würde, dass die Stasi in Westdeutschland für mich eine Gefahr darstellen könnte.

Hätten Sie ihm das nicht erklären können? Gründe gab es doch genug.

Otto hätte mich nicht verstanden! Als ich meine Problematik vorsichtig andeutete, hat er gesagt: »Du bist doch im Westen, was soll dir schon passieren?« Mit Erklärungen habe ich mich lange zurückgehalten. Bis zu meiner Einsicht in die Stasi-Akten. Selbst meine Frau, die ich ja im Westen kennen gelernt hatte, hat mich manchmal gefragt: »Jörg, leidest du schon unter Verfolgungswahn?« Später hat sie sich dafür entschuldigt.

Sie haben sich insgesamt also sehr bedeckt gehalten?


Ich habe es zumindest immer versucht. Anders als Lutz Eigendorf, der sich sehr provokant inszeniert hat. Wenn Ost-Vereine in Westdeutschland gespielt haben, ist Lutz mit seinem großen Schlitten vorgefahren und hat - überspitzt formuliert - mit den großen Scheinen gewedelt. Der Erfolg von »Republikflüchtlingen« wie Lutz und mir war ein rotes Tuch für das DDR-Regime. Jedes Mal, wenn die uns gesehen haben, war das eine persönliche Niederlage. Ein Verräter, der im Westen gefeiert wird? Eine Katastrophe!

Wann wurde Ihnen bewusst, dass die Stasi auch im Westen hinter Ihnen her war?

Eigentlich schon in der deutschen Botschaft in Belgrad, nach meiner Flucht aus Subotica. Man sagte mir, in ganz Jugoslawien werde bereits nach mir gefahndet. So wichtig hatte ich mich dann doch nicht eingeschätzt. Im Aufnahmelager in Gießen wurde ich stundenlang vom BND und der CIA verhört. Da ist mir erst klar geworden, wie riskant meine Flucht war, welcher riesige Partei-Apparat dahinter steckt. Nach einer Woche in Westdeutschland wurde ich vom MfS (Ministerium für Staatssicherheit, Anm. d. Red.) unter Druck gesetzt. Vor meiner Flucht war ich mir sicher gewesen, im Westen die ganze DDR-Vergangenheit abzuschütteln.

Hätten Sie nicht auch einfach Sportlehrer auf dem Land werden können?


Dass ich Bundesliga-Trainer werde, hätte ich ja nie gedacht. Im Nachhinein wäre mein Fall bei der Stasi dann sicherlich schnell vergessen gewesen. Nur dachte ich damals: Je erfolgreicher und populärer du wirst, desto weniger traut sich die DDR an dich heran! Ich habe die Stasi unterschätzt. So lange, bis das mit Lutz Eigendorf passierte.

Als Eigendorf starb, haben Sie gleich gedacht: Das war Mord?

Sofort. Ich war im Stadion, als in der Halbzeit ein Journalist zu mir kommt und sagt: »Jörg, der Eigendorf ist tot.« Ich frage: »Wie und wo?« – »Mit dem Auto. In Braunschweig.« Danach habe ich zu meiner Frau gesagt: »Jetzt muss ich noch mehr aufpassen. Denen ist alles zuzutrauen.«

Was haben Sie konkret unternommen?

Mein Auto häufiger warten lassen. Reifen prüfen, die Bremsleitung untersuchen. Mir fiel auf, wie oft meine Reifen zerstochen waren. Einmal ist mir bei Tempo 160 das Rad abgefallen. Das war kein Zufall.

In einem Stasi-Eintrag über Eigendorfs Tod heißt es: »Eigendorf verblitzt.« Warum war er zur Zielscheibe geworden?

Lutz war ein Eigenbrötler, sehr von sich eingenommen und ziemlich unbedacht. Er hat dieses schicksalhafte Interview für »Kennzeichen D« direkt vor der Berliner Mauer gegeben, im Hintergrund sah man das Stadion vom BFC. Ich war einen Tag vorher da und sollte mich ebenfalls vor der Mauer befragen lassen. »Das könnt ihr gleich wieder vergessen«, habe ich gesagt. Lutz hat es gemacht. Das war quasi eine Aufforderung an alle Ost-Fußballer: Folgt mir in die Freiheit! Ich habe ihn gewarnt: »Lutz, so kannst du die nicht weiter provozieren, sonst bekommst du irgendwann einen Knüppel auf den Kopf!«

1986 bekamen Sie keinen Knüppel auf den Kopf, sondern wurden vergiftet.

Ich war inzwischen Trainer bei Hessen Kassel und litt plötzlich unter Lähmungen. Zuerst wurde der Fuß taub, dann das Bein und die Hände. Alles war wie abgestorben. Vermutlich eine Schwermetall-Vergiftung, irgendwas wurde mir auf jeden Fall ins Essen getan.

Wie hat der Westen darauf reagiert?

Das wurde schnell unter den Tisch gekehrt. Der Tod von Eigendorf, meine Vergiftung: das hätte die diplomatischen Beziehungen zur DDR nur gestört. Offiziell sollte ich vom BND abgeschirmt werden, später habe ich in meinen Stasi-Akten gelesen, dass die Mielke-Behörde tatsächlich über jeden meiner Schritte in Westdeutschland Bescheid wusste.

Wie haben Sie das Ende der DDR erlebt?

Das Regime war für mich gestorben, die DDR abgehakt, nicht aber die Menschen. Meine gesamten Ersparnisse hätte ich darauf verwettet, dass die Grenze niemals wieder geöffnet werden würde. Als die Mauer fiel, war das für mich der politisch bewegendste Moment in meinem Leben. Ich dachte: Was ist denn jetzt passiert? Was hat das für Folgen? Ich habe geheult, ich habe gejubelt. Und wieder geheult. Andere haben Champagner getrunken.

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... ausgerechnet den Mann, der mich als Leiter unserer Verbandsdelegation in Jugoslawien nach meiner Flucht durch das ganze Land gejagt hatte. Ein absoluter Hardliner. 100 Prozent SED-treu. Der läuft mir auf der Treppe in der Otto-Fleck-Schneise entgegen, Riedel war inzwischen beim DFB gelandet. Hätte ich dem zwölf Jahre vorher gesagt, wie toll der DFB ist, wäre meine Karriere beendet gewesen. Wenn meine Frau nicht dabei gewesen wäre, ich hätte mich auf den gestürzt! Nach der Wende hat man sich im Fußball nicht genügend um Aufklärung bemüht. Sie glauben doch nicht, dass jemand vom DFB wieder eine ähnliche Position im DDR-Verband bekommen hätte?

Hätten Sie die Verbandsführung nicht aufklären können?

Wie denn? Damals hatte ich doch noch gar keine handfesten Beweise. Die fielen mir erst später in die Hand, bei der Einsicht in meine Stasiakten. Mir hätte direkt nach der Wende kein Mensch geglaubt.