Jochen Stoephasius vergisst seine MSV-Dauerkarte

Lassen Sie mich durch, ich bin Fan!

Wer so sehr vom Fußballfieber ergriffen ist wie ich, sollte folgende Sachen niemals vergessen: die Eintrittskarte! Folgendes ereignete sich am Rande des Bundesligaspiels zwischen dem MSV Duisburg und dem VfL Wolfsburg:

Ort: Steinfernseherskulptur auf der Dreieckswiese in Duisburg-Wedau, in unmittelbarer Nähe zur MSV-Arena
Zeit: Samstag, 18.08.2007, 14:20 Uhr.


Unsere übliche Fan- und Freundegruppierung ist fast vollständig eingetroffen. Man trinkt ein Bier, fachsimpelt über den grandiosen Derbysieg gegen die Schwarz-Gelben und tauscht Erwartungen für das bevorstehende Heimspiel aus; manch einer plant bereits die Fahrt nach Stuttgart. Alle freuen sich auf die Bundesliga. Dann fällt - beiläufig zwar, aber deutlich genug - das Wort “Dauerkarte”. Mein Herzschlag setzt aus, kalter Schweiß rinnt über die Stirn und mein Gesicht nimmt eine beängstigend helle Farbe an: VERGESSEN!

Meine Reaktion ist eindeutig. Man ruft mir ein “Wir sehen uns im Block!” hinterher. Ich sprinte zum Parkplatz. Währenddessen erhalte ich fünf SMS mit den Worten “Ha ha!”. Dutzende Fans strömen mir entgegen und schauen mich verwundert an. Unterwegs fällt mir ein, dass ich schon zwei Bier getrunken habe. Eigentlich wollte ich erst nach dem Spiel und Stunden später wieder Auto fahren. Ich darf nicht, aber ich muss! Führerschein riskieren für den Verein!

Ich stürze mich in meinen Wagen, verhelfe einem dunkeln Twingo zu einem unerwartet tribünennahen Parkplatz, gebe Vollgas und bete, dass alles gut geht. Dass ich ausgerechnet jetzt einen Opa vor mir habe, der sich exakt ans Tempolimit halten muss, sehe ich als zusätzliche Gemeinheit des Schicksals. Aber ich habe Glück. Er biegt wenig später ab.

14:35 Uhr. Ich treffe zu Hause in Mülheim ein, parke mein Auto, schließe es ab, dann die Haustür auf und hinein in die Wohnung. Meine Dauerkarte liegt wie immer auf dem Schreibtisch. Ein Blatt Papier hat sie verdeckt, so dass ich sie nicht gesehen habe und vergessen musste. Das wird nie wieder passieren!

Weniger als eine Stunde bis zum Spiel. Niemals würde ich jetzt noch einen Parkplatz finden. Ich rufe die automatische Taxizentralenvermittlung meines Mobilfunkanbieters an. “Hier ist kein Taxi!” Wie immer werde ich mit einer Privatnummer verbunden. Ich wähle die einzige Taxinummer, die ich auswendig kenne, die Nummer der Duisburger Taxizentrale. Man schickt mir einen Wagen. Aber es dauert. Kein Wunder, denn ich habe ja ein ortsfremdes Taxi bestellt.

14:48 Uhr. Mein Nachbar sieht mich an der Straße stehen: “Heute sorgen wir für Magaths Entlassung.” Er ist auch MSV-Fan, schaut sich das Spiel aber leider in der Kneipe an und kann mich nicht mitnehmen.

14:50 Uhr. Endlich! Das Taxi ist da. Der Fahrer wusste vorher schon, dass ich zum Stadion will, aber die Sache mit der vergessenen Dauerkarte überrascht ihn dann doch.

“Fahren Sie bitte so schnell wie möglich.” - “Ich weiß nicht, ob ich bis vor das Stadion fahren kann.” - “Können Sie, glauben Sie mir.” Der Taxifahrer ist skeptisch, aber er meint auch, dass in der Bundesliga 20 Vereine spielen. Außerdem geht er seit Jahrzehnten nicht mehr zum MSV. Er ist bei mir unten durch, aber im Moment mein wichtigster Verbündeter, also halte ich den Mund.

14:59 Uhr. Ich behalte Recht und kann unmittelbar vor der Fantribüne aussteigen. 9,80 Euro, ich zahle 10,90 Euro - mehr Kleingeld habe ich nicht.

15:00 Uhr. Vor dem Eingang ist eine dreißig Meter lange Schlange. Warum werden die anderen Tore nicht geöffnet? Zum Glück geht alles recht zügig.

15:03 Uhr. Ein Fußball-Touristen-Pärchen versperrt die Treppe auf der Tribüne. Der Ordnungsdienst muss eingreifen, schließlich bin ich Fan und muss durch!

15:05 Uhr. Ich entdecke meine Freunde. Man gratuliert mir, weil ich es doch noch geschafft habe. Ich bin ich um drei Jahre gealtert, aber dennoch erleichtert.

17:15 Uhr. Ich bin stocksauer, weil ich das schlechte Omen nicht erkannt habe.