Jiri Nemec versus »ran«

Kurt Cobain des Fußballs

»ran«. Nicht nur der Name weckt schreckliche Erinnerungen an die Neunziger, sondern auch die Spielberichte. Wir wollen nicht vergessen. Und erinnern daran, wie aus Jiri Nemec einst der Kurt Cobain des Fußballs wurde. Jiri Nemec versus »ran«

»Die Vergangenheit wird dich irgendwann einholen.« Nichtsahnend saß man am Mittwochabend vor dem Fernseher und wollte sich die Zusammenfassung des Bayernspiels auf Sat.1 anschauen. Doch dann nahm das Unglück seinen Lauf. Jörg Dahlmann wurde gerufen, und mit einem Mal waren alle bitteren Erinnerungen an die unglückseligen Neunziger Jahre wieder da.

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Aus sieben Kameraperspektiven wurde das Niederlagensiegtor von Arjen Robben gezeigt. »Robben. Robben. Robben. Robben. Robben. Robben. Robben«, qiekte Jörg Dahlmann. Danach ließ man noch jeden Ordner und Briefaufdampfer der Säbener Straße den Namen wiederholen. Und Louis van Gaal. Später dann Kringel um Robbens Gegenspieler und ein Lichtstrahl vom lieben Gott persönlich auf Robben in der Hightech-Animation. Das Grauen der Neunziger war zurück: Die »ran«-Berichterstattung.

»Take that« und Tamagotchis

In den letzten Tagen sah man Menschen auf den Straßen mit »Buffalo«-Schuhen und Jeansjacken. Alles Schlimme kehrt zurück. Wenn bepickelte Milchbacken im »Take that«-Shirt und Tamagotchi in der Hand die hässliche Fratze der Neunziger waren, dann war Jörg Dahlmanns Spielmoderation die Stimme dazu.

Menschen, die in dieser Zeit aufgewachsen sind, haben ein Anrecht darauf, dass diese Verbrechen ihrer Jugend nicht mehr aufgewühlt werden. Aber man lässt die Vergangenheit nicht ruhen. Selbst wenn man nicht verhindern kann, dass die Mode zurück kommt, warum gibt es keine Bewährungsstrafen für ehemalige »ran«-Moderatoren?

Culture Beat und Jörg Dahlmann

Kameras für jeden Spieler abgestellt, hysterische Schreie der Kommentatoren, rote Jeansjacken, johlendes Studiopublikum gehörten zum Repertoire der Sat.1-Macher. In einem Fanzine hieß es: »Fußball war so schön, dann kamen die Arschgeigen von ran und wollten uns den Fußball neu erklären.«

In den sechziger Jahren träumten sie alle einen gemeinsamen Traum von einer besseren Welt, wie man sich erzählt. Sie predigten die große Liebe, hatten die »Beatles« und Ernst Huberty. In den Neunzigern raveten sich die Jugendlichen pillenschmeißend zur Besinnungslosigkeit. Sie bevölkerten Nachmittagstalkshows, hatten Culture Beat und Jörg Dahlmann. Alle, die auf ihren Drogentrips der Love Parade hängen geblieben waren, wurden abgegriffen und ins »ran«-Studiopublikum versetzt. Jörg Dahlmann sorgte dann für das große Delirium. Immer noch fraglich, ob Dahlmann seinen Hysterie-Modus privat abschalten kann.



Ob er beim Frühstück auch so auftritt? »Und ich hole mir jetzt die Milch aus dem Kühlschrank. Da ist sie! Die Milch! Milch! Wahnsinn! Das ist das Beste, was der Kühlschrank zu bieten hat. Schauen wir noch einmal drauf. Tatsächlich die Milch, unglaublich. Soll meine Frau sich doch scheiden lassen. Ich gieße mir jetzt den letzten Schluck ein, seien Sie dabei. Herrlich.«

Nemec war Kurt Cobain

Der Gegenentwurf der Fußball-Animateure war Nirvana-Musik. Kurt Cobain ächzte unter der Publicity und schimpfte auf Kommerz. Als Cobain sich umgebracht hatte, kam sein Nachfolger auf die Bühne: Jiri Nemec. Der erste Fußballer, der den Grunge verkörperte, und sich Interviews verwehrte. Come as you are. So war es damals.

Heutige Jugendliche müssen sich schon genug mit Lady Gaga, Tokio Hotel, Mobbing und Flatratesaufen herumschlagen. Warum verschont man sie nicht mit Sachen, die schon andere ausbaden mussten. Jede Generation hat ihre eigene Krankheit und man sollte Medizin dagegen finden. Auch gegen »ran«. Und gegen Jörg Dahlmann.