Jean Löring bei Fortuna Köln

»Du häss he nix mie zu sare, du Wichser«

Der Stammplatz von Jean Löring war immer auf der Trainerbank. Als ihn der DFB einmal mit einem Stadionverbot belegte, weil er einen Schiedsrichter zu heftig angegangen war, ging er als Weihnachtsmann verkleidet zum Spiel und blieb unerkannt. Zitat Löring: »Jedes Jahr habe ich drei oder vier Mal Mist gebaut. Ich habe auch schon mal einem gegnerischen Spieler die Schuhe ausgezogen, weil er zu lange Stollen hatte. Doch ich ändere mich nicht. Ich entschuldige mich dann immer beim lieben Gott, nicht beim DFB.« Im Vereinslokal »Bacchus« an der Vorgebirgsstraße schien ihm die Kölschstange in der Hand festgewachsen zu sein. Nach Heimspielen blies er dort regelmäßig zur großen Sause. Hinten an seinem Tisch sammelte er die Kicker um sich und schnappte sich gerne einen freudetrunkenen Fan, um ihm schunkelnd die Visionen von seinem »Vereinche« zu erzählen – als ernsthaftem Konkurrenten des 1. FC Köln in der Zukunft. Schiedsrichter bekamen im »Bacchus« die größten Schnitzel der Zweiten Liga serviert, dazu gab es Bier und Schnaps. Wenn sich einer weigerte, sagte Löring: »Wie, Sie trinken keinen Schnaps? Sind Sie gar kein Mann?«

Hinter seinem Schloss in der Eifel lebte in einem Gehege ein Gepard namens »Fortuna«. Lörings Schaltzentrale befand sich im dritten Stock über dem »Bacchus«, nebenan die eigene Tennishalle. Er regierte inmitten antiker Möbel, auf den Etiketten der Weinflaschen, die er als Präsente verwendete, stand: »Catherine et Jean Löring«. Ein pompöser Billardtisch war das Zentrum seines Geschäftszimmers. Sein Motto in allen Wirtschaftsdingen hat Löring mal so umschrieben: »Wenn ich ein Geschäft mache, dann frage ich: ‚Wat is drin für mein Vereinche?‘ Und wenn wat drin is, dann jeht dat mit dem Jeschäft gleich viel besser.«

»Ich als Verein musste doch reagieren!«

In den achtziger Jahren sorgte Löring weiter zuverlässig für zahlreiche »Express«-Schlagzeilen, die in ganz Deutschland verwundert registriert wurden. Er schuf sich seine eigene beste Zweite Liga aller Zeiten. Trainer wie Hans Krankl oder Bernd Schuster, der für 80 000 Mark im Monat »Leben in den Verein bringen« sollte, gab es nur, weil der »Schäng« es so wollte. Schuster lieferte brauchbare Ergebnisse, wurde aber entlassen, weil er sich nicht zum Schwätzchen im »Bacchus« sehen ließ. Unvergessen ist, wie Löring Toni Schumacher, heute Vizepräsident beim 1. FC Köln, in der Halbzeit feuerte. Im Stil des fiktiven Kleberfabrikanten Heinrich Haffenloher aus der Fernsehserie »Kir Royal« sprach er die heute legendären Worte: »Hau app in de Eifel. Du määs minge Verein kapott. Du häss he nix mie zu sare, du Wichser.« Noch aufschlussreicher war seine anschließende Erklärung. Der König der Südstadt sagte: »Ich als Verein musste doch reagieren!«

Dass er zum Patriarchen der Zweiten Liga aufsteigen konnte, gründete sich auf die wirtschaftlich erfolgreichen siebziger Jahre. Löring, der 2005 im Alter von 70 Jahren starb, war ein klassischer mittelständischer Mäzen, wie ihn Dieter Krebs später so wunderbar im Kinofilm »Bang Boom Bang« verkörperte. Keiner dieser seelenlosen Milliardäre, wie man sie aus dem modernen Fußball kennt. Er hat einfach alles, was er besaß, in seinen Klub gesteckt.

Nie Gegenstimmen, nur Enthaltungen

»Ich habe auch kein Schiff an der Côte d’Azur«, sagte er einmal der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung«. Im Laufe der Jahre sollen es 30 bis 40 Millionen Mark gewesen sein, mit denen er sein großes Hobby alimentierte. Bei den Jahreshauptversammlungen gab es nie Gegenstimmen, nur Enthaltungen: von seiner Frau und seiner Tochter.

Und immer wieder kam es zu Fußballtennis-Schaukämpfen in seinem Garten. Was die Sache für die Profis verkomplizierte: Es galten ausschließlich die Spielregeln des »Schäng«. Löring bestand darauf, den Schiedsrichter zu geben und es gab keinen Seitenwechsel. Andreas Koch, der damals selbst zum Match antrat, sagt: »Auf unserer Seite war der Platz durch Laub und Dreck schwer bespielbar. Wir verloren unsere Spiele und nur Juan Alvarez schaffte mehr als zehn Punkte.« Der spanische Offensivspieler unterlag mit 11:21. Am selben Abend wurde den Frankfurter Spielern ein klägliches Grundgehalt von 3500 Mark angeboten. Sie wechselten nicht zur Fortuna.