Jakub Blaszczykowski über die schlimmste Zeit seines Lebens

»Du musst auf dem Boden liegen, damit du weißt, wie er schmeckt.«

Möchten Sie lieber über große Spiele sprechen? Malaga, Madrid? Das Double mit dem BVB?

Darüber mache ich mir noch keine Gedanken. Viel­leicht nach meiner Karriere.


Wirkt das Reden über Fußball banal vor dem Hintergrund Ihrer Lebensgeschichte?

Ich sage immer: Du musst auf dem Boden liegen, damit du weißt, wie er schmeckt. Natürlich bin ich mir auch bewusst darüber, dass ich nicht das größte Schicksal der Welt trage. Es gibt Menschen, denen noch viel Schlimmeres passiert ist. Trotzdem blicke ich heute auf gewisse Dinge ein wenig gelassener. Eine Verletzung ist eine Verletzung. Nicht mehr, nicht weniger.


An welche Momente aus Ihrer Kindheit erinnern Sie sich gerne zurück?

An schöne Stunden mit meinem Bruder. Er ist drei Jahre älter als ich, und wie viele Brüder standen wir stetig im Konkurrenzkampf. Aber wir haben dieses Messen mit dem anderen auch geliebt. Wir haben alles ausgespielt, bis es einen Sieger gab, oft bis in den frühen Morgen. Schach, Würfeln, Karten, Puzzeln. Selbst wenn wir zu zweit in der Badewanne saßen, gab es ein Spiel. Wir haben den Schaum von oben herab­fliegen lassen – gewonnen hatte der, dessen Schaum zuerst auf dem Wasser gelandet war.


Sie haben nicht Fußball gespielt?

Doch, klar. Im Wohnzimmer zerschossen wir häufiger den Deckenleuchter unserer Tante. Wenn die Scheiben zu Bruch gingen, wechselten wir sie heimlich wieder aus, ohne dass sie etwas mitbekam. Und vor unserem Haus war eine kleine Straße, wo wir ›brutalny futbol‹ spielten.


Brutaler Fußball?

Unser Ball war sehr flau, es war kaum noch Luft drin. Im Winter ließen wir ihn über Nacht oft draußen liegen, am nächsten Tag war er komplett vereist und steinhart. Damit spielten wir dann – ohne Regeln. (Lacht.)


Was bedeutet Ihnen Heimat?

Elf, zwölf Jahre bin ich nun schon unterwegs. Ich fühle mich überall wohl, wenn meine Familie dabei ist. Aber mein Heimatdorf Truskolasy hat einen besonderen Platz in meinem Herzen. Ich muss Ihnen mal die Fotos meiner Ankunft nach der EM 2016 zeigen. (Blaszczykowski zeigt Bilder auf seinem Handy, eine riesige Menschentraube hat sich vor einem Haus versammelt.) Jemand hatte über Facebook angekündigt, dass ich nach unserem Viertelfinal-Aus heimkäme. Als wir um neun Uhr abends bei meiner Oma vorfuhren, hatten sich dort 3000 Menschen versammelt (das Dorf hat nur 2000 Einwohner, d. Red.). Ich habe bis zwei Uhr nachts Autogramme geschrieben.


Ein Star zum Anfassen.

Wieder dieses Wort. Es war eher so, dass wir freundschaftlich zusammenkamen. Ich kenne viele Nachbarn. Wir haben geredet, gelacht, und dann haben wir gemeinsam vor dem Haus meiner Oma gegrillt.