Jahrhunderttore

Schwanensee auf Rasen

Zur Feier der Wiedereröffnung unserer "Flimmerkiste" stellen wir noch einmal die bedeutsamsten Tore der Fußballgeschichte vor. Imago Heute: Das Tor mit der Hacke, mit dem der Algerier Rabah Madjer den hohen Favoriten Bayern München um den Europapokal der Landesmeister brachte.

Es wird ein Abend voller Schrecken für den FC Bayern München und dabei hat er so gut begonnen. Denn als die Mannschaft des FC Bayern am 27. Mai 1987 zum Endspiel im Europacup der Landesmeister ins mit 57000 Zuschauern ausverkaufte Wiener Praterstadion einläuft, scheint alles gerichtet für den großen Triumph der Münchner. Sie sind haushoher Favorit gegen den portugiesischen Meister FC Porto, kaum lohnt es sich noch zu wetten, denn die Buchmacher in London zahlen längst nur noch die Mindestquote für einen Sieg der Bayern. Fünf Pfund Einsatz, zwei Pfund Gewinn. Sie sind souverän in dieses Finale marschiert, haben Austria Wien, Anderlecht und Real Madrid aus dem Weg geräumt. Und schließlich gilt es da noch die Schmach von Rotterdam zu tilgen. Denn vor fünf Jahren schien schon einmal alles gerichtet, der FC Bayern spielte gegen den englischen Meister Aston Villa ein großartiges Finale und verlor dann doch durch ein Tor von White, unglücklich, unverdient, aber eben doch. „Diese Saison hätte ein bösartiger Regisseur gegen uns nicht schlimmer gestalten können“, hatte der damalige Trainer Pal Csernai gestöhnt.

Sein Nachfolger heißt Udo Lattek und will nun alles besser machen. Den Gegner nicht unterschätzen, konsequent decken, die läuferische Überlegenheit ausspielen, dann wird alles gut gehen, ist sich Lattek sicher. Doch auch im Bayern-Team des Jahres 1987 wütet der Virus der Überheblichkeit. Die Stimmung im Team ist prächtig, fast sorglos, denn was soll schon passieren, gegen einen Gegner aus Portugal, der sich gegen Kiew und Kopenhagen ins Finale gequält hat. Dementsprechend siegessicher gibt man sich, Manager Uli Hoeneß frohlockt vor dem Spiel gar: „Wir stehen am Beginn einer neuen Ära.“ Und es lässt sich gut an, das Spiel. Der FC Porto spielt erschreckend schwach und zwingt Torhüter Jean-Marie Pfaff in der ersten Halbzeit zu keiner einzigen Parade. Und nach 25 Minuten steht es nahezu planmäßig 1:0 für die Bayern. Denn ausgerechnet Wiggerl Kögl, der kleine Flügelflitzer, hat per Kopf getroffen, nach einem Pflügler-Einwurf, ungeschickt von Abwehrspieler Malgahaes verlängert. Später wird Kögl bitter feststellen: „Ich hätte gerne auf meinen Treffer verzichtet, wenn wir dafür das Finale gewonnen hätten.“ Vom großen Triumph sind die Bayern nun nur noch 45 Minuten entfernt. Plötzlich ist alles anders Als sie nach der Halbzeitpause wieder den Rasen betreten, empfängt sie frenetischer Applaus. Am Rande des Spielfelds steht bereits der große, silberne Pokal der Landesmeister. Und manch ein Bayern-Spieler verschwendet bereits einen oder zwei Gedanken an die rauschende Feier danach. Der Hühnerhaufen bekommt Probleme Doch plötzlich ist alles anders und Porto nicht wiederzuerkennen. Denn Trainer Arturo Jorge hat den quirligen Mittelstürmer Juary eingewechselt, der die Bayern-Abwehr prompt vor unlösbare Probleme stellt. „Wir waren ein Hühnerhaufen, wir hatten konditionelle Probleme“, kommentiert Libero Norbert Nachtweih später und Andreas Brehme assistiert:„Wir sahen aus wie Anfänger.“ Aber noch ist nichts passiert, denn Pfaff pariert einen Schuss von Sousa und Madjer verzieht freistehend von der Strafraumgrenze. Auf der Gegenseite holt Celsa den Torschützen Kögl von den Beinen. Kein Elfmeter, weiterspielen, signalisiert Schiedsrichter Ponnet aus Belgien. Doch weit und breit ist niemand bei den Münchnern zu sehen, der nun das Spiel an sich reißen mag. Augenthaler, der Leitwolf, ist verletzt, auch Hansi Dorfner ist nicht dabei. Und Lothar Matthäus macht sich an diesem Abend unsichtbar.

Madjer schaut dem Ball ungläubig hinterher

Nervosität macht sich nun merklich breit. Immer wieder blickt Udo Lattek auf der Bayern-Bank hinauf zur Stadionuhr, noch fünfzehn Minuten sind es bis zum Abpfiff, noch dreizehn, noch zwölf. Dann kommt der Ball wieder einmal zum pfeilschnellen Jouary, eine schnelle Hereingabe und dann ist plötzlich der Algerier Madjer zur Stelle. Mit dem Rücken zum Tor steht er, wird sich wohl drehen und schießen und nimmt dann doch die Hacke. Leichtfüßig schwebt die Ferse dem Ball entgegen, als tanze da einer Schwanensee und spiele nicht Fußball. Voll trifft er den Ball, vorbei am geschlagenen Verteidiger saust der Ball ins Netz und selbst Madjer schaut dem Ball noch einmal ungläubig hinterher. Aber tatsächlich, er ist drin und das Spiel wieder völlig offen. Mit gesenkten Köpfen stehen die Bayern-Spieler nun in ihrer Hälfte, fort ist die Siegeszuversicht und die Souveränität der ersten Halbzeit. Und kaum ist der Ball wieder im Spiel, ist er auch schon wieder verloren und diesmal ist es Madjer, der von rechts in den Bayern-Strafraum eindringt und scharf flankt und diesmal steht Jouary da und macht aus drei Metern das Tor. Nur zwei Minuten später, der Todesstoß für den FC Bayern, ausgespielt wie eine Schülermannschaft. Das Scherbengericht Das Spiel ist nun verloren und rasend schnell vergehen die letzten Minuten. Dann pfeift Ponnet ab und die Portugiesen auf dem Rasen und auf den Rängen können ihr Glück kaum fassen. Abwehrspieler Eduardo Luis stammelt:„All die Fans, die nicht nach Wien kommen konnten, werden daheim den Flughafen blockieren. Ich hoffe, wir können überhaupt landen.“ Immerhin das gelingt, doch Schlaf findet in dieser Nacht niemand. Immer wieder herzen sie die Torschützen Juray und Madjer und lassen Trainer Jorge hochleben. Daheim in Porto will die Stadt nicht auf die Ankunft warten und feiert den uner- warteten Triumph, stundenlang steigen Raketen in den Nachthimmel und erschüttern Böllerschüsse und ein Hupkonzert tausender Autos die Stadt.

Lattek gratuliert sich zum Aufhören

Bei den Bayern beginnt derweil das große Scherbengericht. Trainer Lattek spricht mit versteinerter Miene von der „bittersten Niederlage meiner Laufbahn“ und fügt an:„Ich muss mir gratulieren, dass ich aufhöre.“ Präsident Scherer verstaut seine vorbereitete Siegesrede im Jackett, an den Fall einer Niederlage hat er gar nicht gedacht. Die Mitspieler haben unterdessen einen Hauptschuldigen ausgemacht, den 26jährigen Lothar Matthäus. So groß ist die Wut der Mannschaftskameraden, dass sie ihn beim Bankett allein an einem Tisch sitzen lassen. Nach- weih giftet: „Er konnte den Ball nicht halten.“ Und Franz Beckenbauer lästert:„Wie in allen wichtigen Spielen konnte man ihn wieder mal vergessen.“ Der so Gescholtene gibt sich reumütig: „Ich habe in der zweiten Halbzeit versagt.“ Aber zu ändern ist das nun auch nicht mehr. Und so wird der geplante Feierzug zum Marienplatz unter der überschäumenden Anteilnahme der Bevölkerung zur klammheimlichen Ankunft in München-Riem. Kein Empfang im Rathaus, keine Befreiung von der Schmach von Rotterdam. Und erst zwölf Jahre später, am 26. Mai 1999 sollte der FC Bayern wieder in einem Europapokal-Endspiel stehen, in Barcelona gegen Manchester United, und wieder 1:0 führen. Bis kurz vor Schluss.

Das legendäre Madjer-Tor ist hier zu sehen: www.11freunde.de/link.php?video=22
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