Jahreshauptversammlung beim FC St Pauli

Kaká kommt wohl doch nicht

Ergebnisse der Jahreshauptversammlung bei einem der "wirtschaftlich gesündesten Vereine des Landes": Man baut ein neues Stadion, spielt spätestens 2011 im UEFA-Cup, jedoch kommt Kaká vermutlich vorerst nicht. Ach, es handelt sich übrigens um den FC. St Pauli. Ein Erlebnisbericht. Ayla Kiran Der Abend beginnt mit einem taktischen Foul. Alkoholfreies Bier bei einer Jahreshauptversammlung des FC St. Pauli? Die stimmberechtigten Fans, die nun trockenkehlig entscheiden müssen, wer die nächsten vier Jahre die Schuld an allem trägt, sind bereits am Einlass verstimmt. Im Foyer des Congress Centers Hamburg machen Kampfbegriffe wie „Behördenwillkür“ und „Drangsalierung“ die Runde, verantwortlich seien die Mitglieder des Präsidiums, murrt einer. „Die denken wohl, dass wir sonst nach dem Kassenbericht die Hütte in Brand stecken.“

Im Verein herrscht angespannte Stimmung vor der Aufsichtsratswahl. Viel Schatten und wenig Licht prägten die Schlagzeilen der letzten Monate, und der Vorstand des FC St. Pauli macht sich bereit für einen langen Abend mit seinen größten Kritikern: der eigenen Fanszene.

Endlich schuldenfrei
Auf dem Papier könnte der Zeitpunkt einer Mitgliederversammlung für das Präsidium durchaus unangenehmer sein. Zumindest wirtschaftlich läuft es für den Verein so gut wie lange nicht mehr. Der Kiezclub ist nicht nur zum ersten Mal seit Jahren – der Pokalerfolge der letzten Saison sei Dank – schuldenfrei, sondern schreibt endlich schwarze Zahlen. Das finanzielle Überleben in der Regionalliga, lange Zeit für nicht möglich geglaubt, scheint nun fürs erste gesichert. Im Dezember beginnt die erste Phase des lang erwarteten Stadionumbaus, erst diese Woche genehmigte der Senat der Stadt Hamburg einen Zuschuss in Höhe von 5.5 Millionen Euro. Sportlich jedoch trödelt man seit Saisonbeginn der Konkurrenz und den eigenen Ansprüchen hinterher, die Mannschaft hält mit erschreckender Konsequenz einen Sicherheitsabstand zu den Aufstiegsrängen. Die leidgeprüfte Fanbasis fordert mittlerweile nicht nur die Entlassung von Trainer Andreas Bergmann, vermehrt werden auch Stimmen laut, Sportchef und Dauerikone Holger Stanislawski den Heiligenstatus abzuerkennen. Auch abseits des Spielfelds läuft der Ball alles andere als rund. Vereinsinterne Giftspitzen zwischen Präsidium und Aufsichtsrat wurden – zum Leidwesen der Fans - vorzugsweise über die Sportseiten der Hamburger Boulevardpresse verschossen. Dazu war die Vereinsführung erst kürzlich in eine unglückliche Erklärungsnot gegenüber den Fans geraten. Es hatten sich Berichte über Kontaktaufnahme zum Verein seitens der Brüder Osmani gemehrt, halbseidener Kiezgrößen, die der BND schon 2003 der Bildung einer kriminellen Vereinigung verdächtigte, und deren weitreichendes Imperium erst vor kurzem durch einer der größten Razzien der Hamburger Geschichte offen gelegt wurde.

2010 erstklassig – dann in den UEFA-Cup
Bei diesen Voraussetzungen ist also zu erwarten, dass die Mitglieder an diesem Abend zum basisdemokratischen Rundumschlag ausholen. Corny Littmann, begnadeter Beherrscher der Selbstinszenierung, eröffnet den Schlagabtausch also folgerichtig mit einer Charmeoffensive, und kündigt an, das gesamte Präsidium stehe für die nächste Wahl im Februar kommenden Jahres zur Verfügung.

2010, so seine mutige Prognose, spiele der FC St. Pauli wieder erstklassig. Der Ausbau des Stadions sei bis dahin soweit vorangeschritten, dass auch die nötigen Regularien für UEFA-Cup und Champions League –Begegnungen am Millerntor einfüllt werden könnten. „Wir verfügen über ein Kapital von 55.000 Euro und sind einer der wirtschaftlich gesündesten Vereine Deutschlands“ verkündet Littmann schließlich unter dem nicht ganz ironiefreien Gejohle der Zuschauer. Soviel sympathisch-lässige Megalomanie kommt an, muss aber geübt sein. Vizepräsident Rummelhagen schafft es hingegen in beeindruckender Geschwindigkeit, dass die Stimmung im Saal wieder kippt, und muss unter Pfiffen das Podest verlassen. Er hatte von den Fans in einem wenig diplomatischen Tonfall gefordert, bei rechtsextremen Ausschreitungen rund ums Stadion „die Polizei, oder ‚Bullen,’ wie ihr sie nennt, ihre Arbeit machen zu lassen.“ „Zivilcourage ist ein Grundpfeiler unserer Fankultur,“ echauffiert sich ein Zuschauer im Anzug am Mikrofon, „und das lassen wir uns von niemandem nehmen!“

Kaká, Cacau, Marcao
Spätestens nach diesem Ausfall ist die angepeilte Seriosität der Verantstaltung untergraben, und die St. Paulianer geifern auf die nächste öffentliche Selbstdemontage der Offiziellen. Aufsichtsratskandidat Werner Pokropp, in den sechziger Jahren mit St. Pauli als Spieler erfolgreich, verrennt sich bei seiner Bewerbungsrede vor Nervosität angesichts seines nun aufgeheizten Publikums. „Ich habe Euch in meiner letzten Amtszeit Kaká gebracht!“ entfährt es ihm heilsbringerisch, seine schnell eingeschobene Korrektur „Cacau... ich meine Marcao“ geht im donnernden Applaus unter. „Wer mir Kaká verspricht, den wähl ich sofort!“ ruft jemand anerkennend. Einen ähnlichen Spießrutenlauf durchlebt auch der Großteil der restlichen Kandidaten. Prof. Dr. Hans-Jürgen Kion, kontroversestes Mitglied des Aufsichtsrats, muß sich zu seiner Fehlquote während der letzten Amtsperiode rechtfertigen. Für sein mangelndes Engagement, das die Fans ihm vorwerfen, zahlt er während der Fragerunde nicht nur Lehr- sondern auch Kilometergeld: So wird konsequent gewartet, bis Kion seinen Platz im Publikum wieder eingenommen hat, bevor man ihn mit einer weiteren Frage wieder auf die Bühne zitiert. St. Pauli praktiziert den zivilen Ungehorsam.

Humoristisches Trostpflaster
So gestalten sich die Fans den Abend als humoristisches Trostpflaster für eine Saison, in der es für sie bisher wenig zu Lachen gab. Durch die zunehmend eskalierende Fragerunde fühlen sich viele entschädigt und gehen direkt nach der Wahl, ohne auf das Ergebnis zu warten. Erwartungsgemäß setzen sich die Kandidaten durch, die ausnahmslos der aktiven, kritischen Fanszene angehören, Herr Kion ist nicht dabei. Zum Abschluss der Sitzung jedoch zeigen die sonst so selbstironischen St. Paulianer uncharakteristisch wenig Humor, und lehnen einen zur Abstimmung gestellten Antrag ohne eine einzige Ja-Stimme ab: „Was den Vereinigten Staaten von Amerika Recht ist, kann uns nur billig sein: Deshalb beantrage ich den Zusatz zum Vereinsnamen ‚Wir vertrauen auf Gott.’“ Schade eigentlich. Damit hätte man den tiefreligiösen Kaká sicher ans Millerntor locken können.
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