Jadon Sancho beim BVB

Der Neymar aus South London

In England nennen sie ihn Wonderkid, beim BVB eine Waffe. Jadon Sancho steht für eine neue Generation im englischen Fußball. Eine mit Flair und Exzentrik, mit Genie und Wahnsinn. 

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Zwischen Genie und Wahnsinn, stellte Peter Stöger fest, tendiere er »bei Sancho schon mehr Richtung Genie. Aber das ändert sich Woche für Woche.« Diese Einschätzung datiert vom 21. April dieses Jahres. Jenem Tag, an dem sich Jadon Sancho beim BVB von seiner besonders genialen Seite präsentierte. Beim 4:0 gegen Leverkusen, das wenige Minuten zuvor abgepfiffen worden war, hatte der 18-jährige Engländer sein erstes Bundesligator gemacht und zwei weitere Treffer aufgelegt.

Etwas mehr als fünf Monate später, am sechsten Spieltag dieser Saison, standen sich beide Mannschaften wieder gegenüber. Sanchos hingegen saß zunächst auf der Bank. Wie an allen fünf Spieltagen zuvor. Als er in der 68. Minute eingewechselt wurde, führte Leverkusen mit 2:1. 22 Minuten später stand ein 4:2 für den BVB und zwei Vorlagen für Sancho.

»Tack, tack, tack, mit einem Kontakt«, habe Sancho gespielt, sagte Lucien Favre. Die Tendenz bezüglich des besten Spielers der U17-EM von 2017 geht auch bei ihm Richtung Genie. Seit dem Sieg in Leverkusen stand Sancho an jedem Spieltag in der Startelf.

Süd-London hat Sancho geprägt

»Natürlich will ich nicht nur Einwechselspieler sein«, sagte der Junge aus dem Süden Londons nach dem Spiel. »Ich will von Beginn an spielen.« Dieser Anspruch eilte ihm voraus, als er im Sommer 2017 für acht Millionen Euro von Manchester City nach Dortmund kam. In England hatte Pep Guardiola ihn von der US-Tour ausgeschlossen, nachdem die beiden sich wegen Sanchos zukünftiger Einsatzzeiten überworfen hatten. Daraufhin erschien er nicht zum Training für die Zu-Hause-Gebliebenen und wollte einen Wechsel erzwingen. Da zeigte sich seine »Wahnsinn«-Seite. Für Dortmund war es hingegen ein Glücksfall. Während ihn in seinem ersten Jahr in Schwarz-Gelb noch eine fehlende Spielberechtigung und mehrere Verletzungen zurückhielten, wird diese Saison immer deutlicher, warum Sancho in England als »Wonderkid« betitelt wird.

Sancho, dessen Eltern aus Trinidad und Tobago nach England kamen, wuchs im Süden Londons auf. Als sozialer Brennpunkt stigmatisiert, prägen Kriminalität, kulturelle Vielfalt und mangelnde soziale Mobilität die Arbeitergegend. Der einzige Weg da raus? Fußball. Das mag übertrieben klingen, doch die »Slumdog Footballstar«-Romantik ist Fakt. Über 10 Prozent aller englischen Spieler, die dieses Jahr in der Premier League eingesetzt wurden, stammen aus South London, wo etwa fünf Prozent der gesamten englischen Bevölkerung leben. Zuletzt liefen acht Jungs aus der Gegend für Englands U21 auf. »Es ist ein echter Mix aus Menschen verschiedener Herkunft. Deshalb hast du verschiedenste Kulturen, die zusammenspielen, von denen sich einzelne Elemente durchsetzen«, sagte Harry Hudson, ehemaliger Jugendtrainer von Crystal Palace, dem Guardian.