Italiens Stürmer trotzt dem Fremdenhass

Der ungeliebte Meister Éder

Er entstammt der brasilianischen Provinz und tingelte jahrelang durch die Serie B. Nun steht Éder in Italiens EM-Formation. Das gefällt nicht jedem - etwa seinem eigenen Vereinstrainer.

imago

28. März 2015, Vassil-Levski-Stadion, Sofia. Italien gastiert zum EM-Quali-Spiel in Bulgarien – und wankt. Kurz vor Schluss führt der Gastgeber mit 2:1, als die Squadra Azzurra nach vorne stürmt. Der Ball kommt zur Nummer 17, halblinke Position, 20 Meter vor dem Tor. Der Stürmer steht mit dem Rücken zur Grundlinie, dreht sich um seinen Gegenspieler – und giebelt einen Strahl in bester FIFA-Manier in die Maschen. Ausgleich, Abpfiff, Italien bleibt ungeschlagen auf dem Weg nach Frankreich.

Éder Citadin Martins, genannt Éder, ist 28 Jahre und vier Monate alt, als er in Sofia vor 8.500 Zuschauern seinen Einstand in der Nationalmannschaft mit diesem Tor krönt. Nach einer Stunde hatte Antonio Conte den Angreifer auf den holprigen Rasen geschickt, wenige Zeigerumläufe später war Éders Platz in der Squadra sicher. In einem Alter, in dem andere Kicker auf Grund zu hoher Belastungen in jungen Jahren bereits langsam auf die Karriere-Zielgerade einbiegen. 

Nun gehört Éder zum Stammpersonal einer der abgezocktesten Mannschaften bei dieser EM. Auch gegen Deutschland wird Conte aller Voraussicht nach von Anfang an auf ihn setzen. Doch nicht jeder Italiener ist damit einverstanden.

Mancini: »Italienische Nationalmannschaft nur für Italiener«

Éder stammt aus Lauro Müller, einer 13.000-Seelen-Gemeinde in der brasilianischen Provinz, drei Autostunden nördlich von Porto Alegre. Die Eltern benannten ihn nach Éder Aleixo de Assis, Stürmer der Seleção bei der WM 1982. Klein Éder sollte in dessen Fußstapfen treten – was er auch tat, allerdings nicht in Brasilien. Nach seiner ersten Profisaison bei Criciúma Esporte Club wechselte er 2005, mit 18, ins italienische Empoli, Serie B. In das Land seines Urgroßvaters – das er seitdem nicht verlassen hat.

Seine brasilianische Herkunft stößt einigen Tifosi sauer auf. In Gauland'scher Manier fordern sie »Ur-Italiener« für die Squadra Azzurra und keine Oriundi, wie die Spieler mit italienischem Pass, aber ausländischem Geburtsort, genannt werden. Ermanno Aebi war der erste von ihnen; der gebürtige Schweizer markierte 1920 einen Hattrick gegen Frankreich. Mauro Camoranesi aus dem argentinischen Tandil ist der berühmteste, Weltmeister 2006. Nun also Éder.



»Italienische Pässe für Touristen, das mag ich einfach nicht«

»Die italienische Nationalmannschaft sollte Italienern vorbehalten sein«, sagte Roberto Mancini noch nach EM-Start. Neben fragwürdigen Aussagen ist Mancini ansonsten als Trainer von  Inter Mailand bekannt – und damit als Übungsleiter von Éder, der seit einem halben Jahr auf Leihbasis bei den Nerazzurri spielt. Seine Aussage dürfte auch Matteo Salvini so unterschreiben. Der Politiker der rechtspopulistischen Lega Nord hat zu Spielern wie Éder eine spezielle – und leider nicht exklusive - Meinung: »Italienische Pässe für Touristen, das mag ich einfach nicht. Nur wegen ihrer Großväter, Urgroßväter, Onkel – die spielen doch nur aus finanziellen Gründen für Italien!«