Italiens Krise und der Fall Amauri

Wie ein alter Stiefel

2006 stand der Calcio stand da, wo er nach Meinung der Tifosi hingehört: an der Spitze. Nun sieht es anders aus: der Fall Amauri, Krise im Nationalteam und den Klubs – Italiens Presse schreibt bereits vom »disastro europeo«. Italiens Krise und der Fall AmauriImago Was ist nur los im Land des Weltmeisters? Fast scheint es, als bewege sich der »Calcio« auf eine Krise zu, wie sie sie einige deutsche Fußballfans noch kennen, deren Erinnerungen nicht durch Sommermärchenstaub zersetzt wurden. Jüngstes Beispiel: Die Posse um Amauri Carvalho de Oliveira, genannt Amauri.

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Um es gleich vorweg zu sagen: Amauri ist mit Sicherheit kein schlechter Fußballer. Schließlich ist er momentan mit zwölf Ligatreffern Top-Torjäger seines Vereins, der »Alten Dame« Juventus Turin. Dennoch muss man sich fragen, ob ein Stürmer, der mit Ende zwanzig erstmals in seiner Karriere eine überdurchschnittliche Saison spielte (15 Tore für Palermo 2007/08) tatsächlich eine Ablösesumme von 22,8 Millionen Euro wert ist. Zum Vergleich: dafür hätte sich der FC Bayern München gleich zwei Luca Tonis leisten können.

Der Fall Amauri erhitzt bereits seit Wochen die Gemüter der italienischen Tifosi. Ein Rückblick: Im April vergangenen Jahres hatte Amauri in einem Interview verlauten lassen, dass er davon träume, irgendwann für die italienische Nationalmannschaft aufzulaufen. Das klingt zunächst einmal unspektakulär. Einziges Problem: Amauri ist Brasilianer, geboren ist der 1,86-Meter-Hüne in Carapicuiba, eine der kleinsten Städte im Bundesstaat Sao Paulo.  Nach Italien kam er erst 2001, blieb dort und erlebte gewissermaßen seinen eigenen »Giro d’Italia«, an dessen vorläufigem Ende der italienische Rekordmeister aus Turin bereits seine achte Station darstellt.

Aber auch das ist im heutigen globalisierten Fußball eigentlich kein Problem mehr, verfügt
die »Squadra Azzurra« mit Camoranesi doch bereits über einen Spieler, dessen Wurzeln
ebenfalls in Südamerika liegen, und selbst der Europameister aus Spanien hat mit Marcos
Senna einen gebürtigen Brasilianer in seinen Reihen.

Dunga als beleidigte Leberwurst


Zum Problem wurde es erst, als der inzwischen auf Amauri aufmerksam gewordene
Teamchef der brasilianischen Nationalmannschaft, Carlos Dunga, diesen kurzfristig für ein
Länderspiel im Februar diesen Jahres nominieren wollte. Plötzlich besann sich der
brasilianische Stürmer seiner Herkunft und war im Begriff, alte Träume über Bord zu werfen,
und wäre dem Ruf gefolgt. Wenn, ja wenn Juventus Turin nicht in fast deutscher
Gründlichkeit darauf verwiesen hätte, dass die Freistellungsfrist von 15 Tagen bereits
abgelaufen war. So blieb Amauri ohne A-Länderspiel für irgendeine Nation, und Dunga blieb
nichts anderes übrig, als darauf hinzuweisen, dass es auch schon Spieler gegeben hat, die sich über solche Hindernisse hinweggesetzt haben. Außerdem verwies er darauf, dass Brasilien auch ohne Amauri über eine ganze Reihe herausragender Stürmer verfüge. Klarer Fall von beleidigte Leberwurst.

Die Reaktion des Gescholtenen bestand darin, sich bereits nach kurzer Zeit wieder dem
italienischen Verband anzubieten. Diesmal untermauerte er dies zusätzlich mit einer kleinen
Anekdote: Vor einiger Zeit sei er einmal Opfer eines rassistischen Zwischenfalls geworden.
Ein Apotheker habe ihn grundloserweise des Diebstahls bezichtigt, schlicht deshalb, weil er
Ausländer sei. Amauri habe dies aber nicht hingenommen und dem Rassisten klar gemacht,
dass mehr Italiener ihn ihm stecke als in jedem anderen und er hoffentlich eines Tages sogar für die »Squadra Azzurra« spielen werde.

Was folgte, lässt sich als Hommage an den Ideenreichtum des großen deutschen
Fußballlehrers Erich Ribbeck bezeichnen. In Italien stießen Amauris (pathetische) Bekenntnisse wohl auf offene Ohren, es dauerte nicht lange, bis in der Ahnengalerie seiner
brasilianischen Ehefrau italienisches Blut nachgewiesen werden konnte. Amauris Gattin ist seitdem glücklichere Besitzerin der italienischen Staatsbürgerschaft, was wiederum bedeutet, dass der stürmende Ehemann in sechs Monaten endlich seinen vermeintlich so lang gehegten Traum verwirklichen kann und für die »Azzurri« spielberechtigt ist.

Die Tifosi nahmen diese Nachricht mit gemischten Gefühlen auf. Längst haben sich zwei Lager gebildet. Auf der einen Seite, diejenigen,die Amauris fußballerische Wurzeln ohnehin in Italien sehen und ihn als willkommene Unterstützung betrachten, auf der anderen Seite solche Fans, die ihm vor allem seinen Flirt mit der Selecao nicht verzeihen wollen und es mit Gennaro Gattuso halten. Der erklärte jüngst, der Angreifer solle besser für Brasilien auflaufen, da er dies scheinbar ohnehin vorgezogen hätte. Und er fügte mit etwas, das sehr an verletzen Stolz erinnerte, hinzu: »Wir sind nicht Aserbaidschan oder Finnland, wir sind Italien, vierfacher Weltmeister!«

Doch Titel schützen nicht vor Krisen. Das ist gerade den deutschen Fußballfans allzu bewusst. Ähnliches wie es Italien gerade zu erleben scheint, vollzog sich hierzulande gleich in mehrfacher Ausführung. Erinnert sei an die Herren Dundee, Rink und Zebescen, um nur
einige zu nennen, die dem damals strauchelnden Europameister um die Jahrtausendwende zu alter Stärke verhelfen sollten. Die aber, soweit sie denn eingesetzt wurden, nur neue Schwächen hervorriefen.

EM ohne ein einziges Stürmertor

Aber natürlich lässt sich an der Causa Amauri allein keine Krise des italienischen Fußballs
erkennen. Doch muss die Frage erlaubt sein, ob einem Spieler wie Amauri ob seines Verhaltens überhaupt noch weiteres Interesse entgegengebracht worden wäre, wenn Italien nicht eine so erbärmliche Europameisterschaft hätte – ohne dabei ein einziges Stürmertor zu erzielen.

Auch die jüngsten Ergebnisse der »Squadra Azzurra« waren alles andere als überzeugend. Der einzige Sieg aus den letzten vier Spielen resultiert aus einem knappen 2:1-Erfolg gegen Montenegro. Zuvor gab es ein 0:0 gegen Bulgarien, Griechenland spielte man ebenfalls Unentschieden – 1:1. Zuletzt dann noch die 0:2-Pleite gegen eine deutlich überlegene Elf aus Brasilien, bei der es der alte und neue Coach Marcello Lippi nur mit Mühe und Not schaffte, das Durchschnittsalter seiner Anfangself unter die ominöse 30-Jahre-Marke zu drücken.

Doch nicht nur die Nationalmannschaft hat bereits bessere Zeiten gesehen, auch bei den
Vereinen läuft es derzeit alles andere als rund. Die sonst im internationalen Vergleich so
starke Serie A sammelte im letzten Jahr erstmals nach gefühlten Äonen weniger Punkte für
die UEFA-Fünfjahreswertung als die Bundesliga. In diesem Jahr scheint es nicht besser zu
laufen. In das Achtelfinale des Uefa-Cups schaffte es mit Udinese Calcio nur eine einzige italienische Mannschaft, in der Champions League bangen Juventus und die Roma nach 1:0- Niederlagen im Hinspiel gegen Chelsea und Arsenal um das Weiterkommen. Für Inter muss nach einem 0:0 gegen Titelverteidiger Manchester im Rückspiel in »Old Trafford« gar fast ein Wunder her. In den italienischen Gazetten ist bereits vom »disastro europeo« die Rede.

Aber wie das mit Krisen im Fußball so ist, sie gehen meist genauso schnell, wie sie gekommen sind. Noch stehen die »Azzurri« in ihrer WM-Qualifikationsgruppe auf Platz eins. Und sollten die italienischen Vereine in Europa doch noch einmal die Kurve kriegen, wird aus dem »disastro« ganz schnell der »trionfo« (zu deutsch: Triumph) werden.

Und Amauri? Der träumt schon wieder. Diesmal vom Confederations Cup, bei dem er im kommenden Sommer erstmals für Italien spielen will. Und wenn es bis dahin nicht klappt mit der Staatsbürgerschaft: Brasilien ist ebenfalls qualifiziert.