Italiens Hirn: Andrea Pirlo

Zu alt, zu langsam, dauernd verletzt

Inzwischen hat seine Aura ihn zum Angstgegner Nummer eins gemacht, nicht nur für die Deutschen. Man lässt ihn gewähren, selbst wenn man fünf Kontrolleure auf ihn abstellt, wie Jogi Löw im Halbfinale 2012. Pirlo hypnotisierte sie wie die Schlange die Kaninchen, mit seiner Gewandtheit und traumwandlerisch sicheren Ballkontrolle.

Das ist das Demütigende an seinem Spiel: Da ist nicht nur das Talent, sondern es sieht immer so aus, als habe er seine Hausaufgaben besser gemacht. Vor allem aber ist Andrea Pirlo in keiner Situation das Werkzeug seines Trainers. Er führt nicht die Pläne Prandellis oder Contes aus, sondern agiert nach seinem eigenen Kopf. Er ist kein Satellit, sondern der Fixstern der Mannschaft.

Die Regisseure sitzen auf der Bank

So viel selbstbewusster Individualismus verschafft eine ungeahnte mentale Überlegenheit. Kaum ein anderer Fußballer kann sich das heute noch erlauben, mit Ausnahme vielleicht von Zlatan Ibrahimovic, Cristiano Ronaldo und – in eingeschränktem Maße – Lionel Messi. Aber Ibrahimovic und Ronaldo sind quasi ihre Nationalmannschaften, bei den Azzurri aber gibt es außer Pirlo noch ein paar mehr, die ebenfalls Fußball spielen können.

In den sogenannten großen Nationalteams stehen die Regisseure schon längst nicht mehr auf dem Platz, sie sitzen auf der Bank. Der Fußball ist zum Trainerwettbewerb mutiert, bei dem die Spieler vor allem Ausführende sind. Alle miteinander sollen das immer gleiche Offensivspiel zur Aufführung bringen, die nationalen Eigenheiten haben sich in einer globalen Fußballästhetik aufgelöst, im Wettstreit geht es nicht mehr nur um den Sieg, sondern darum, wer am modernsten aussieht.

Er ist nur noch er selbst

Aber ausgerechnet bei den Italienern, die doch den Systemfußball und das strenge Trainerregiment erfunden haben, führt ein Spieler die Mannschaft. Und das, indem er die anderen rennen lässt und selbst am liebsten grübelnd über den Platz schlurft. Weil man sonst leicht den Überblick verliert. Die vermeintliche Coolness des Andrea Pirlo ist ein ganz altmodischer Mut zum Individualismus.

Das Vertrackte für den Gegner ist: Italien kann man besiegen, vielleicht gelingt das ja auch mal Deutschland. Aber Pirlo besiegt man deshalb noch lange nicht. Ganz im Gegenteil, je mehr man rennt, je stärker man sich anstrengt, desto unbesiegbarer wird er. Sogar, wenn er scheitert. Denn Pirlo sammelt keine Trophäen mehr und keine Siege. Er ist nur noch er selbst.

»Wenn kein Gefühl mehr da ist, reicht ein Vorwand«

Dazu gehört auch, dass er sich in einen Schuljungen verwandelt, der groteske Trainingslagerstreiche ausheckt – wie jenen, den schlafenden Gennaro Gattuso mit Feuerlöscherschaum zu verzieren. Er kann über den Milan-Manager Adriano Galliani lästern, diesem sei zum Abschied nach zehn langen und sehr erfolgreichen Jahren kein besseres Geschenk eingefallen als ein Kugelschreiber und der Spruch: »Benutze den bitte nicht, wenn du bei Juventus unterschreibst.«

Das war 2011 – und Pirlos Karriere schien ihrem Ende entgegenzugehen. Nur fünf Jahre zuvor hatte der AC Mailand ihm einen Blankovertrag präsentiert, jetzt wollte ihn der Berlusconi-Klub nur noch loswerden. Zu alt, zu langsam, dauernd verletzt. Über die für ihn zunächst traumatische Trennung dichtete der Spieler in seiner Autobiografie: »Wenn man am Ende angekommen ist und sich noch liebt, braucht man Zeit. Wenn kein Gefühl mehr da ist, reicht ein Vorwand, damit es ganz schnell geht.«

Milan hat nach Pirlos Abschied übrigens nichts mehr gewonnen

Andrea Pirlo war 32 Jahre alt und ging ablösefrei zu Juventus. Im ersten Jahr wurde er zum besten Spieler der Serie A gekürt, Juve holte mit Pirlo erstmals nach dem aberkannten Titel 2006 wieder die Meisterschaft. Inzwischen dreht sich die Mannschaft von Trainer Antonio Conte um Andrea Pirlo wie die Erde um die Sonne. Wie die Nationalmannschaft. Conte und Prandelli erklären einmütig, sie könnten sich Schlimmeres vorstellen, als von Pirlo abhängig zu sein.

Milan hat nach Pirlos Abschied übrigens nichts mehr gewonnen. Und die Nationalmannschaft erlebte bei der WM 2010 in Südafrika, als Pirlo verletzt ausfiel, ihr schlimmstes Desaster. Die Azzurri scheiterten bereits in der Vorrunde, sie gewannen als Titelverteidiger kein einziges Spiel.
In Brasilien wird Andrea Pirlo sein vermutlich letztes Turnier als Nationalspieler bestreiten.

Pirlo ist zeitlos und aus der Zeit gefallen

»Das Alter kann man nicht wegtrainieren«, sagt er dazu, bedauernd. Aber es ist nicht auszuschließen, dass Prandelli, der gerade seinen Vertrag verlängert hat, ihn zum Bleiben bewegt. Dieser Trainer ohne Pirlo, das wäre wie Federico Fellini ohne Marcello Mastroianni, den Superstar und großen Tiefstapler unter den italienischen Kinostars. Mastroianni behauptete auch immer, Schauspielerei sei nur Auswendiglernen. Er tue das, weil ihm halt für Besseres das Talent fehle.

Pirlo ist zeitlos und aus der Zeit gefallen. Im vulgären, lauten Zirkus des Weltfußballs verzehren sich alle nach ihm, weil er das Kunststück schafft, mitzumischen, ohne sich gemein zu machen.

Er gibt keine Interviews und schottet sein Privatleben ab. Gerade durchlebt er die Scheidung von seiner Frau, nach 13 Ehejahren mit zwei Kindern. Die Paparazzi jagen ihn, von ihm kommt natürlich kein Kommentar. Das beharrliche Schweigen verstärkt noch seine Aura, und eigentlich will ja auch kein Mensch erfahren, wie Andrea Pirlo wirklich ist. Man will ihn doch nur spielen sehen, konzentriert und entrückt, geschmeidig und elegant.

Nur keine Hektik und kein Gewusel

Ein Spieler wie Pirlo ist unersetzbar, weil er einzigartig ist. Wenn er den Platz verlässt, wird das leise geschehen. Aus Andrea Pirlo wird kein Trainer und auch kein Manager, sondern mit großer Wahrscheinlichkeit ein Winzer. Er stammt aus der Provinz Brescia, in seiner langen Karriere hat er Norditalien nur für einen kurzen Ausflug nach Reggio di Calabria verlassen.

In seinem Heimatort Capriano del Colle hat Pirlo vor Jahren ein Weingut gekauft. »Pratum Coller« heißt es, Pratum ist das lateinische Wort für jenen Rasen, auf dem er so lange gespielt hat. Sobald der letzte Schlusspfiff verklungen ist, wird Andrea Pirlo sich an das Studium der Weinkunde machen. Methodisch, grübelnd und diszipliniert. Nur keine Hektik und kein Gewusel.