Ist Ivica Strok der beste Stürmer aller Zeiten?

Hochnäsig und arrogant

Ivica Strok war nur ein Avatar in einem Computerspiel, nun hängt sein Trikot im Fußballmuseum. Auch weil er seinem Schöpfer Jonathan Sharples über eine Tragödie hinweghalf.

David Oates
Heft: #
172

Das National Football Museum in Man­chester ist ein wundervoller Ort für Fußballnerds. Auf fünf Etagen kann der Besucher Trophäen in die Luft stemmen, die größten Momente seines Klubs erneut erleben oder sich am »Shot Stopper« mit Profikeepern messen. Und selbstverständlich versammelt es auch die Trikots der größten Spieler aller Zeiten. Pelé, Maradona, Messi – und natürlich jenes des wohl besten Stürmers der Fußballgeschichte: Ivica Strok.

Strok hat viermal die Champions League gewonnen, ist mit Kroatien Europameister geworden, schoss in 903 Pflichtspielen 836 Tore, die ihn zum siebzehnfachen Torschützenkönig und Celtic Glasgow 23 Mal in Folge zum schottischen Meister machten. Erst letztes Jahr, 2042, hat er seine Karriere beendet. Und, ach ja, er ist natürlich nicht echt.

Genau genommen ist Ivica Strok nur ein Algorithmus. Ein zufällig erstellter Name samt computergeneriertem Gesicht und sportlichen Eigenschaften, wie ihn das Programm des »Football Manager« eben ausspuckt, wenn die echten Kicker ihre Karriere im Spiel beenden und die Datenbanken aufgefüllt werden müssen.

»Strok ist Pinocchio, ich bin Geppetto«

Aber was heißt schon Echtheit? Fragt man Jonathan Sharples nach Ivica Strok, kommt der junge Mann mit den feinen Gesichtszügen und der nachdenklichen Art zu sprechen, ins Grübeln. »Strok ist Pinocchio, ich bin Geppetto, sein Erschaffer«, sagt Sharples, bevor er sich umgehend widerspricht: »Nein, es ist eher wie in ›Fight Club‹. Ivica ist Tyler Durden, ich bin der Erzähler.«

Die Erzählung, die der 29-jährige Sharples mit seinem Pinocchio Durden fortschreibt, beginnt mit seiner Leidenschaft für »Football Manager«. »Ich spiele das Spiel seit 1996, jedes Jahr die neue Version«, sagt Sharples, der, wenn er nicht gerade virtuellen Fußballern zu Ruhm und Ehre verhilft, als Verwaltungsbeamter arbeitet. »Nach Feierabend spiele ich vier, fünf Stunden, am Wochenende auch mehr.«

Zuerst unterscheidet sich die Version, die den größten Stürmer der Geschichte hervorbringen wird, nicht von den vielen davor. Sharples spielt ein paar Saisons, eines Tages holt er ein achtzehnjähriges Sturmtalent aus der zweiten kroatischen Liga zu Celtic: Ivica Strok. Der Nachwuchsstürmer schlägt voll ein – und die Dinge nehmen einen zu gleichen Teilen tragischen wie eigenartigen Verlauf.

Im Spiel findet Sharples Ablenkung und Trost

Denn während Sharples und Strok Abend für Abend virtuelle Trophäen abräumen und ein feines Band zwischen ihnen entsteht, das über die Einsen und Nullen des Computerspiels hinausgeht, wird die Familie von einer Tragödie erschüttert. Sharples Bruder Simon, der ihn einst mit dem Spiel vertraut machte, nimmt sich mit nur 36 Jahren das Leben. Im Spiel findet Sharples Ablenkung und Trost. »Es war in den Weihnachtsferien, ich spielte manchmal vierzehn Stunden am Stück.«

Irgendwann verspürt er das Bedürfnis, ein Stück der Leidenschaft, die ihm sein Bruder vermacht hat, zum Leben zu erwecken. Auf Twitter legt er Strok, diesem großartigen Stürmer, von dem niemand weiß, einen Account an, wo er fortan von dessen Heldentaten berichtet und Stroks pixeligen Kopf auf Jubelposen echter Spieler montiert.



Schon bald hat der sehr virtuelle Strok viertausend sehr reale Follower, die regen Anteil nehmen an der Karriere des besten Stürmers, den es nie gab. Wildfremde Australier schicken Sharples Fotos, auf denen sie Trikots mit Strok-Beflockung tragen, Interviewanfragen treffen ein, bei denen die Journalisten selbst nicht richtig wissen, ob sie eigentlich Sharples oder dessen Avatar sprechen wollen.