Ist ein 222-Millionen-Transfer erklärbar?

Der Papst schaltet sich ein

Den Zuschlag erhielt Real Betis Sevilla. Für umgerechnet 31,5 Millionen Euro stellten die Spanier einen neuen Transferrekord auf und statteten ihren Wunderspieler, Markenzeichen: mehrfacher Übersteiger, mit einem Zehn-Jahres-Vertrag aus. Der Verein stieg 2000 ab und Denilson saß zumeist nur auf der Bank oder in der örtlichen Diskothek.

Das nächste Beben löste Christian Vieri aus. Für umgerechnet 45 Millionen Euro wechselte der Stürmer von Lazio Rom zu Inter Mailand. Ein Verlust für die heilige Stadt, der selbst Papst Johannes Paul II, erzürnte. Als »eine Beleidigung für die Armen« geißelte er den Abgang Vieris, meinte aber ausschließlich die gezahlten Summen.

Das Galaktico-Prinzip

Genauso viel Geld zahlte auch Real Madrid, um sich die Dienste Ronaldos zu sichern. Spektakulären Offensivfußball mit schillernden Namen wünschte man sich im Santiago Bernabeu. Das war der Plan des Präsidenten Florentino Pérez. Doch Abwehrchef Fernando Hierro wunderte sich nicht über die taktischen Pläne seines Arbeitgebers, sondern vielmehr über Abschiebebemühungen für Fernando Morientes, dem Vorgänger Ronaldos. »Wir sind Menschen, keine Ware!«, klagte der Kapitän ob des Schicksals seines Teamkollegen, der sich über Nacht als umjubelter Goalgetter auf die Resterampe gestellt sah.

Doch der Transfer passte ins System. Die besten Spieler kaufen, Erfolg garantieren dadurch die globale Reichweite vergrößern und den Gewinn maximieren. Zinedine Zidane und Luis Figo lösten sich in diesem Atemzug als die Rekordtransfers Reals und des Weltfußballs ab. »Die Galaktischen« waren geboren und Socrates Befürchtung bewahrheitete sich.

Seitdem tätigten fast ausschließlich die »Königlichen« Rekordtransfers. Die Ablösesumme für Gareth Bale, immerhin 100 Millionen Euro, schien auf Dauer aber nun wirklich niemand mehr wert zu sein. Bis Manchester United im letzten Jahr 105 Millionen für Paul Pogba freischlug. »Die Summen, die da im Moment durch die Gegend fliegen, sind keinem Menschen auf der Straße mehr zu vermitteln«, hatte zu diesem Zeitpunkt auch Karl-Heinz Rummenigge, die Mona Lisa der achtziger Jahre, erkannt. Günter Netzer drückte sich etwas unvermittelter aus: »Das ist krank.«

Ist Lionel Messi verkaufbar?

Nun ist es also Neymar, der für 222 Millionen Euro von Paris gekauft wurde. Und wieder stellt sich die Frage, wie dieser Transfer den Menschen auf der Straße zu vermitteln ist. Doch einen Aufschrei in dem Land, das von der Finanzkrise und Jugendarbeitslosigkeit gebeutelt ist, scheint es nicht zu geben. „Wir werden das Geld von einem Verein wie PSG nicht akzeptieren“, sagte Javier Taba, Präsident jener Liga, die vor vier Jahren den 57 Millionen Euro für Neymar, Hoffnung der brasilianischen Nationalelf, zustimmte. Selbst die kolportierte Ausstiegsklausel von 300 Millionen für Lionel Messi scheint seit dieser Woche nicht mehr unantastbar.

Denn obwohl knapp ein Viertel aller Spanier ohne Job dastehen, sind die Umsätze der Vereine ungebrochen. Die Banken leihen den hochverschuldeten Klubs das nötige Geld, die Fans kaufen munter die neuen Trikots. Fußball ist immer noch das Opium des Volkes. Mal sehen, wie lange die Wirkung noch anhält.*

*Scheinbar sehr lange. Denn dieser Artikel erschien, nur minimal verändert, vor bereits vier Jahren. Als Gareth Bale für 100 Millionen zu Real Madrid ging. Die Blase ist immer noch nicht geplatzt. 

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