Das volle Programm zur WM in Russland
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Ist die Nationalelf über ihrem Zenit?

Aus der Gegenwart gefallen

Fahrig, selbsgefällig, unbelehrbar: Die deutsche Mannschaft hat nicht aus ihren Fehlern gelernt. Ist die große Fußballer-Generation um Khedira, Özil und Hummels am Ende?

imago

Joachim Löw erschien auf den Bildschirmen in der Mixed-Zone, er hatte gerade ein paar Meter weiter seine Pressekonferenz begonnen, aber zu hören war er nicht. Nur vor einem Fernseher, bei dem der Ton nicht abgestellt war, drängten sich ein paar Menschen, um der Analyse des Bundestrainers zu lauschen. Doch die Technik streikte: Löw hörte sich an wie eine springende CD. »Spiel verloren«, »Spiel verloren«, »Spiel verloren« Der Bundestrainer stotterte, so wie auch das Spiel seiner Mannschaft gestottert hatte.

War diese 0:1-Niederlage des Weltmeisters gegen Mexiko nur eine kleine technische Panne? Oder muss man schon von einem gravierenden Softwareproblem im Spiel der Deutschen ausgehen? Ein Zeichen hatten sie setzen wollen. Das gelang ihnen. Dummerweise war es kein Ausrufezeichen - es war ein großes Fragezeichen.

Die Geschichte begann vor acht Jahren – endet sie jetzt?

Als die Sonne über dem Luschniki-Stadion langsam unterging und die deutschen Spieler vom Feld schlichen, überkam einen das Gefühl, dass gerade etwas zu Ende gegangen war. Dass es zumindest der Anfang von einem Ende gewesen sein könnte. Der Geschichte einer großen deutschen Fußballergeneration nämlich, die vor acht Jahren, bei der WM in Südafrika, losgelegt hatte, als wolle sie die Fußballwelt aus den Angeln heben; die sich vor vier Jahren in Rio mit dem WM-Titel krönte und seit Wochen und Monaten davon redet, dass sie Historisches leisten wolle - mit der Wiederholung des Titelgewinns. Es ist die Generation um Neuer und Boateng, Hummels und Müller, Khedira und Özil.

Neun Weltmeister aus Brasilien gehören in Russland dem Kader an, acht von ihnen standen gegen Mexiko in der Startelf; nur Matthias Ginter, der schon 2014 keine Minute gespielt hatte, fehlte. Doch wenn man sich die Leistungen von Sami Khedira und Thomas Müller anschaute, die beim Titelgewinn vor vier Jahren echte Stützen des Teams gewesen waren, dann waren die Weltmeister von 2014 eher Teil des Problems als ihrer Lösung.

Selbst Bierhoff spricht von Ratlosigkeit

An diesem Abend im Juni 2018 wirkte es im Luschniki, wo in vier Wochen der Nachfolger der Deutschen gekürt wird, als sei die Zeit über eine große und stolze Mannschaft hinwegweht. Und über ihren Trainer gleich mit. Die Mannschaft wirkte alt und schwergängig, der Trainer überfordert und irgendwie erschöpft. »Wir konnten das Tempo nicht hochhalten, keinen Druck ausüben, waren ein bisschen ratlos, was wir machen sollten«, sagte Manager Oliver Bierhoff.

Das alles ist nicht allein in dieser einen Nacht passiert, es ist das Ergebnis einer Entwicklung, die niemand so richtig wahrhaben wollte, schon gar nicht die Betroffenen. »Wir werden bereit sein« - mit diesem Mantra hat Löw die schwachen Spielleistungen während der Turniervorbereitung beiseitegeschoben und eine inhaltliche Auseinandersetzung öffentlich gar nicht erst zugelassen. Auch die Spieler setzten vor allem auf die Kraft der Vergangenheit.

Nur ein Sieg aus den letzten sieben Länderspielen

Bisher war es noch immer gut gegangen, wenn sie nur lange genug unter Löw an Inhalt und Form arbeiten konnten, allen schwachen Testspielen unmittelbar vor den großen Turnieren zum Trotz. Doch diesmal ließ der obsessive Optimismus den Kosmos Nationalmannschaft irgendwie entrückt erscheinen: als habe sich das Team komplett von der Realität abgekoppelt.

Die Realität ist, dass das Team von den jüngsten sieben Länderspielen ein einziges gewonnen hat. Gegen Saudi-Arabien. Mit 2:1. Die Realität war auch am Sonntag erschreckend. Mit einfachen Mitteln, aber äußerst wirkungsvoll, legten die Mexikaner die Schwachstellen des Weltmeisters bloß - mit Leidenschaft, Wille und Überzeugung.