Ist der WM-Titel schon vergessen?

Der Fan ohne Vergangenheit

Vor drei Monaten wurde Deutschland Weltmeister. Nicht wenige haben das offenbar vergessen: Nach zwei schwächeren Spielen glauben sie, dass diese Mannschaft nie etwas gewinnen wird – und fordern Löws Rücktritt. Steckt der Fußball in einer Gedächtniskrise?

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Christoph Kramer kann sich nicht mehr an das WM-Endspiel erinnern. Noch mal zur Erinnerung, vor allem für Kramer natürlich: Bei einem Zusammenprall mit dem Argentinier Ezequiel Garay erlitt er eine Gehirnerschütterung, die weite Teile dieses Spiels aus seinem Gedächtnis getilgt hat. »Wo laufe ich denn da rum?«, staunte er, als er sich mit 11FREUNDE erstmals die Aufzeichnung anschaute. »Ich renne ja wie aufgescheucht.« Seinen Enkeln wird er, obwohl er dabei war, nichts vom Sieg im Finale erzählen können, außer dass er »wie aufgescheucht« rumgerannt sei  – ein tragischer Fall, der einem die Vergeblichkeit allen menschlichen Strebens aufs Allerbrutalste vor Augen führt.

Doch immerhin: Ganz allein ist Kramer mit diesem Schicksal nicht. Drei Monate nach dem Titelgewinn stellt sich heraus: Auch viele Fans leiden an Amnesie, vermutlich herbeigeführt durch wiederholte Schläge mit aufblasbaren Schland-Hämmern auf den Kopf.

»Mit dem holen wir nie was!« – »Er kann es nicht!«

Wobei »leiden« vielleicht nicht das richtige Wort ist, denn sie wissen ja nicht, was sie nicht mehr wissen: Dass Deutschland am 13. Juli in Rio de Janeiro Weltmeister geworden ist. Aus der fehlenden Erinnerung entsteht vielmehr eine abgrundtiefe Skepsis, ob ein solcher Erfolg überhaupt möglich ist – zumal mit Joachim Löw als Bundestrainer.

»Mit dem holen wir nie was!« – »Er kann es nicht!« – »Mit dem fliegen wir in der Quali raus!« – »Löw wird nie ein großer Trainer!« – oder schlicht: »Löw raus!« Aussagen von Betroffenen, zusammengestellt aus Kommentarsträngen auf 11freunde.de und unserer Facebook-Präsenz. Wie hoch mag die Dunkelziffer derjenigen sein, deren Fußballgedächtnis nicht das WM-Finale enthält – und möglicherweise nur die EM-Qualifikationsspiele gegen Polen und Irland umfasst? Und wie trist muss es sein, wenn man eine kleine Delle in der jahrelang ansteigenden Formkurve als Tal der Tränen wahrnimmt, in dem man sein Dasein als Fan zu fristen hat? Vier Punkte aus drei Spielen: Versetzt man sich in die Lage der Erinnerungslosen, muss man verstehen, dass sie von Joachim Löw bitter enttäuscht sind. Vom Fußball an sich auch. Vom Leben ohnehin.