Irans Kapitän Javad Nekounam

Schüsse aus dem Hintergrund

Auch wenn der Star der Iraner seinen Einflussbereich auf dem Rasen zunehmend verkleinert hat, lässt sich seine Präsenz im Spiel seines Teams durchaus als brachial umschreiben. Längst beackert er nicht mehr alle Tiefen des Feldes, er lauert heute viel eher in der zentralen Defensive und erwartet die Angriffe gegnerischer Offensivreihen. Nach der Balleroberung bestimmt er wie ein Feldherr das Tempo des iranischen Spiels. Bei eigenen Angriffen rückt er oft nur zögerlich nach, wartet lieber im Hintergrund auf seinen Moment,  um einen seiner gefürchteten Schüsse aus der zweiten Reihe abzufeuern.

Angesichts der Gegner aus Argentinien, Nigeria und Bosnien setzen bei dieser WM wohl nur hoffnungslose Optimisten ihr Erspartes auf ein Weiterkommen des Iran. Unterschätzen sollte man das »Team Melli«, wie die iranische Nationalmannschaft auch genannt wird, dennoch nicht. Die paar Prozentpunkte, die das Team an Professionalität vermissen lässt, macht sie mit Leidenschaft wieder wett, das Talent des Kaders gilt als unstrittig. Doch bei den bisher drei WM-Teilnahmen (1978, 1998, 2006) wartete der Iran bisher vergeblich auf das Gefühl, die Gruppenphase zu überstehen. Als größter Erfolg gilt deswegen immer noch der bisher einzige WM-Sieg über den Klassenfeind USA. 

Der erste Iraner in der spanischen La Liga

Nekounam kann es kaum erwarten, die Sportgeschichte des Iran um ein weiteres Highlight zu bereichern. Die WM in Brasilien wird seine zweite und letzte sein, auch ein Athlet wie er muss dem Alter irgendwann Tribut zollen. Beim Turnier 2006 war er zwar noch relativ jung, sein Wert für die Mannschaft wurde jedoch stets betont. Mit den Superstars und unbestrittenen Säulen der damaligen Mannschaft, Ali Daei und Ali Karimi, war der Iran hoffnungsvoll in das Turnier gestartet, scheiterte dann aber kläglich und konnte letztendlich nach zwei Niederlagen gegen Portugal und Mexiko lediglich ein Unentschieden aufweisen – gegen Angola. Als Grund für dieses blamable Ausscheiden wurden im Nachhinein immer wieder Gerüchte über unüberbrückbare Differenzen innerhalb des Teams laut.

Nekounam will diese alten Geschichten heute nicht wieder aufwärmen, gibt aber zu, dass er bei der WM 2006 vor allem menschlich gereift ist. »Die WM 2006 war ein unvergessliches Erlebnis. Ich habe von unseren erfahrenen Spielern gelernt, dass man in wirklich jeder Trainingseinheit alles geben muss, um sich tatsächlich zu verbessern«, sagt er heute. Und tatsächlich machte Nekounam nach dem Turnier einen riesigen Sprung, wechselte nach Europa und spielte im Trikot des CA Osasuna als erster Iraner überhaupt in der spanischen La Liga.  Seinerzeit glaubten die wenigsten, dass sich der Iraner in einer der besten Ligen der Welt durchsetzen könne, doch Nekounam strafte alle Zweifler Lügen und blieb letztlich sechs Jahre in Spanien, machte 150 Spiele und wurde zum Publikumsliebling. Zudem kommt er mittlerweile auf knapp 140 Länderspiele im Trikot des Iran.

Der Welt ein anderes Bild des Iran zeigen

Im Jahr 2012 zog es den Mittelfeldmann dann wieder zurück in die Heimat zu Esthegal Teheran, einem der beiden Gigantenklubs des Landes. Für diese Wechsel akzeptierte er sogar erhebliche Gehaltseinbußen und sagte auf seiner ersten Pressekonferenz: »Es war eine persönliche Entscheidung für die Heimat. Esthegal ist ein Klub mit großen Triumphen. Ich will Teil der Geschichte werden.« Die Fans lagen sich betört in den Armen und wunderten sich doch, dass der Star nach nur zwei Jahren zu Al Kuwait Kaifan nach Kuwait wechselte. Ein Transfer, der nicht nur Nekounams Bankkonto gut getan haben wird, sondern den alternden Star vor dem WM auch noch ein bisschen mehr Spielpraxis garantierte.

Nun steht er vor einem Sommer, in dem ihm und seinem Team nicht nur die Aufgabe anheim fällt, Millionen Iraner vor den Bildschirmen glücklich zu machen, sondern auch den westlichen Medien ein anderes Bild ihrer Heimat zu präsentieren. Ein Bild abseits von Nuklearprogrammen und regionalen Instabilitäten. »Schon 2006 hat die Welt gesehen, dass das iranische Volk sein Team liebt«, sagt der Kapitän und ergänzt: »Überall wo wir auf der Welt sind, sind auch unsere Fans. Das motiviert uns zu zeigen, dass der Iran bunt sein kann. Wir sind bereit.«

Und sollte Javad Nekounam sich seinen Traum vom ersten WM-Tor in Brasilien erfüllen können, wird er sich wieder auf die Brust schlagen. Die Fans vor den TV-Bildschirmen werden sich in den Armen liegen, die Kommentatoren um Atem ringen. Dann werden sie alle seinen Namen schreien. Weil er ihren Traum am Leben hält. Ganz so wie damals im Azadi.

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John Duerden ist Teil des »Guardian-Netzwerks« und ein britischer Journalist, der u.a. für den »Guardian« schreibt. Auf Twitter könnt ihr ihm hier folgen: https://twitter.com/JohnnyDuerden