Inters erste Saison mit Mourinho

Sympathie für den Fiesling

Statt in teure Spieler hat Inter Mailand diesmal in den Trainer Jose Mourinho investiert. »The Special One«, einst für seine Arroganz berüchtigt, gibt sich jedoch ganz bescheiden: »Ich arbeite noch, um zu lernen.« Inters erste Saison mit MourinhoImago Noch vor wenigen Sommern wurde Inter Mailands Patron Massimo Moratti in Italien wegen seines Auftretens auf dem Transfermarkt verspottet: Wer bei drei nicht auf dem Baum ist, der kommt bei Inter unter Vertrag. Dabei gab Moratti, der unter seinem großen Bruder Manager des familieneigenen Petrol-Unternehmens Saras ist, auch schon mal die gleiche Summe aus wie die gesamte deutsche Bundesliga für ihre Einkäufe.

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Tempi passati. Gleich nach dem dritten Meistertitel im Mai hat Moratti seinen Trainer Roberto Mancini gefeuert und den Portugiesen José Mourinho angeheuert. Seither gibt es revolutionäre Umwälzungen zu vermelden. Erstens: Mourinho, der sich bei Chelsea den Ruf der exzentrischen und arroganten Skandalnudel unter bemerkenswertem Einsatz, langen Sperren und horrenden Bußgeldern hart erarbeitet hatte, ist den Italienern sympathisch. Egal, wer sich zum neuen Inter-Trainer äußert, ob Luca Toni oder Fabio Capello - immer heißt es: simpatico, dieser Mourinho. Der hat Persönlichkeit.

Er hat Ironie - meistens

Die zweite Neuerung ist, dass Gemütsmensch Mourinho mindestens zwei Spieler möglichst bald herzlich verabschieden möchte. Eine Mannschaft von 27 findet er nämlich übertrieben. »Mein Ziel ist 24«, sagte er noch vor ein paar Wochen, inzwischen peilt er 25 an. Und Moratti, der zu seinen besten Zeiten durchaus die Bestmarke 30 angestrebt hatte, applaudiert: »Mourinho gefällt mir, weil er die Kunst der Synthese beherrscht. Der braucht nicht lange, um mir die Lage darzustellen. Außerdem hat er Ironie.«

Außer, wenn es um Spione im Sommerlager geht. Da hört der Spaß auf. Mourinho schloss kurzerhand die Tore für die Tifosi, die wie jedes Jahr der Internazionale ins Gebirge gefolgt waren, und sich benahmen, als seien sie auf dem üblichen Familienausflug. »Ich habe Respekt vor den Fans, aber unter ihnen könnten sich Trainer und Beobachter der Konkurrenz verstecken«, erklärte Mourinho.

Der Konkurrenz blieb dann während eines Sommerturniers mit dem AC Mailand und Juventus Turin dennoch nicht verborgen, dass Inters Abwehr noch nicht fit für die Ende August bevorstehende Saisoneröffnung ist. Vor dem Freundschaftsspiel beim FC Bayern an diesem Dienstag (20.30 Uhr/live im ZDF) - offiziell geht es um den sogenannten »Franz-Beckenbauer-Cup« - beklagt Mourinho eine extrem hohe Anzahl von Versehrten: Materazzi, Samuel, Cordoba, Chivu, alle aus der Abwehr, und im Mittelfeld fällt auch noch Vieira aus.

»Gegen die Bayern könnte ich Beckenbauer fragen, ob er bei uns mitspielen möchte«, witzelte Mourinho und setzte hinzu, er müsse in München nicht unbedingt gewinnen. »Es ist Sommer, und noch arbeite ich, um zu lernen. Es ist sogar besser, wenn nicht alles sofort funktioniert, so können wir uns perfektionieren.«

The Special One, wie er auch in Italien genannt wird (nach seinem legendären Ausspruch: »Ich bin etwas Besonderes«) fährt die Demutstaktik. »Reden kann er«, urteilt sein Boss Moratti. »Jetzt muss er zeigen, dass er auch fußballerisch vorn ist.« Das erklärte Saisonziel ist die Champions League, wo Inter in den vergangenen Jahren nie besonders gut ausgesehen hatte. Der Ausflug nach München gilt deshalb als wichtiger Test.

Angeblich neun Millionen Euro pro Jahr

Gerade sind der AC Mailand und Juventus im Ausland schwer eingebrochen. Juve kassierte ein 0:3 vom HSV, Milan ein 0:5 von Chelsea, der AS Rom erkickte ein 0:0 gegen den AS Monaco. Gegen die Roma wird Mourinho am 24. August sein erstes offizielles Match um den Ligapokal bestreiten. Bis dahin wird geklärt sein, ob Inter noch ein Transfercoup gelingt. Über Monate hatte der Klub den Engländer Frank Lampard von Mourinhos altem Arbeitgeber Chelsea verfolgt, jetzt gab Moratti bekannt, Lampard bleibe in London: »Aus familiären Gründen. Er hängt sehr an seinem Vater.«

Inter bemüht sich nun um Ricardo Quaresma vom FC Porto, prinzipiell ist man aber auch bereit, sich mit den weniger prominenten Zugängen Mancini (AS Rom) und Sulley Muntari (Portsmouth) zufrieden zu geben, außerdem ist Adriano gestärkt aus Brasilien zurück gekehrt. Nach mehr als einem Jahrzehnt, in dem Moratti für immer neue Spieler Unsummen verschleudert hat, investiert er in einen Trainer. Neun Millionen Euro bekommt Mourinho angeblich im Jahr. In seiner Mannschaft verdient nur der Schwede Ibrahimovic mehr. Der hat Inter am entscheidenden letzten Spieltag quasi im Alleingang zur Meisterschaft geführt. Für Moratti Beweis genug, dass er sein Geld wert ist.