Iker Casillas' Abschied von Real Madrid

Vertrieben aus dem Paradies

25 Jahre, 725 Pflichtspiele, 19 Titel – Iker Casillas ist der größte Torhüter, den Real Madrid je hatte. Am Wochenende wurde er wie ein Ergänzungsspieler verabschiedet.

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Als Iker Casillas 18 Jahre alt wurde, bekam er von seinem Sponsor, einem Automobilhersteller, ein Cabrio geschenkt. Rot war es und eckig. Kein sportlich schnittiger Ferrari und auch kein Porsche, Autos, wie sie Spieler von Real Madrid normalerweise fahren, sondern einen Chrysler. Reichte es nicht schon, dass der Junge in Jeans und schlapprigen T-Shirts statt im Designeranzug zum Training kam? Nun musste er auch noch einen Kastenwagen fahren. Für die Mitspieler war das ein willkommener Anlass, diesen stillen, zurückhaltenden Torwart aus dem eigenen Nachwuchs weiter aufzuziehen. Der ließ die Späße über sich ergehen, ohne groß davon Notiz zu nehmen.

Die lebende Legende

Was sein Wesen angeht, hat Iker Casillas nie zu Real Madrid gepasst. Zu dem Glamour, dem Prunk, der Großmannssucht. Und doch hat er es geschafft, eine der prägendsten Figuren der Klubgeschichte zu werden. Casillas ist, so verkündete der Klub jetzt offiziell, der beste Torwart, den Real je hervorbrachte. Seine Bilanz: 725 Pflichtspiele, 19 Titel, davon drei Champions-League-Siege. Im Verein seit 25 Jahren. Eine lebende Legende.

Wäre Fußball ein Hollywood-Streifen, Casillas hätte seine Karriere in zwei oder drei Jahren bei dem Verein beendet, dem er ein Leben lang treu diente. Es hätte eine große Abschiedszeremonie gegeben mit Tränen, Umarmungen und ganz viel Gefühl. Alles vor tausenden und abertausenden Fans im Estadio Bernabeu, die alle schluchzend und heiser vor Kummer seinen Namen gerufen hätten.

»Kein Abschied für immer«

Weil Fußball und Romantik aber längst miteinander im Clinch liegen wie die europäische Zentralbank und Griechenland fiel all das aus und Casillas verabschiedete sich im Rahmen der Pressekonferenz, auf der er seinen Wechsel zum FC Porto bekannt gab. Ganz schlicht, zwar mit Tränen, aber eher ein leises Adios. »Mehr noch als als Torwart möchte ich, dass man mich als gute Personen in Erinnerung hält«, sagte er und dankte dem Klub und den Fans. Casillas verkündete: »Das ist kein Abschied für immer, wir werden uns wieder sehen.«

Mindestens zwei Jahre möchte er noch spielen, drüben in Portugal. Weil er seinen Stammplatz in der Nationalmannschaft nicht verlieren will, die EM 2016 in Frankreich soll sein letztes großes Turnier mit der Selección werden.

Es war ein erzwungener Abschied. San Iker, der heilige Iker, wie ihn die Fans nannten, wurde aus seinem Paradies vertrieben. Von einem Trainer, der längst nicht mehr da ist und einem Präsidenten, der Milliarden Euro mit einer Baufirma verdient und der nie viel übrig hatte für den Mittelstandsjungen aus dem Madrider Vorort Mostoles.

José Mourinho hatte Florentino Perez einst eingeredet, Casillas sei ein schwarzes Schaf, ein Maulwurf, einer der Informationen an die Presse weitergeben und die Mannschaft spalten würde. Perez ließ sich davon nur zu gern überzeugen.

Illgner: »Für mich ist das nicht nachvollziehbar«

Schon während seiner ersten Amtszeit hätte er Casillas am liebsten durch den Italiener Gianluigi Buffon ersetzt. Ein Junge aus dem Vorort als Torhüter von Real Madrid, das passte nicht in Perez’ Vorstellung von einer galaktischen Mannschaft. Mourinhos Worte waren für den Präsidenten nur Mittel zum Zweck.

»Laut dieser Begründung ist jeder bei Real ein Maulwurf«, sagt Bodo Illgner. »Für mich ist das nicht nachvollziehbar. Alle Real-Spieler unterhalten Beziehungen zur Presse, selbst die Leute in den höchsten Gremien tun das.«