Hoffenheim droht aufzusteigen

Ist dieser Mann der Teufel?

Hoffenheim steht auf einem Aufstiegsplatz. Das schürt die apokalyptischen Phantasien kommerzkritischer Fans. Dabei ist das Modell des Milliardärs Dietmar Hopp noch die freundliche Variante dessen, was schon lange Usus ist. Imago Es gab bessere Zeiten. Nicht vor Kurzem, nicht letzte Woche, nicht gerade, eben, jetzt. Früher, so sagt man. Als man noch mit der Trommel um den Weihnachtsbaum lief und vor Freude weinte, weil das Christkind ein Bayer Uerdingen-Trikot mit der Nummer 5 unter diesen gelegt hatte. Und die Nummer 5 noch Souveränität und Entschlossenheit, Stärke und Eleganz versprach. Außerdem trug Matthias Herget die Nummer 5. Und Matthias Herget war einer von den Guten.

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Und früher war besser, weil man bei Minus 8 Grad, Graupelregen und mieser Laune in Block B des Volksparkstadions harrte und bemerkte, dass man nicht der einzige war, der dem Ruf des Spiels Hamburger SV gegen Wattenscheid 09 gefolgt war, sondern wieder all die anderen gekommen waren, die Ultras auf der Südtribüne und die in Block E, die treuen Seelen, die ihren Samstagnachmittag für eine 1:2-Niederlage und für Trommeln, Pauken und Gebrüll opferten.

Als es noch war wie es zu sein hatte

Früher, als es Pommes-Schranke nach dem Spiel am Bahnhof für 1 Mark 50 gab und dir die Holsten-Knolle für 80 Pfennig hinterher geworfen wurde. Als niemand ein Stegreif-Pädagogik-Referat in der S-Bahn herunterbetete, weil der „Bayern-Schweine“-Aufnäher eine quiekende und blutüberströmte Sau bei der Schlachtung zeigte. Früher, als man sich darauf verlassen konnte, dass Bochum absteigt, als Fußballer sich optisch an den Stars des Musikantenstadl anlehnten und nicht an Gangster-Rappern aus Berlin-Wedding, früher, als Gemeinden, Flecken und Dörfer mit 3.300 Einwohnern noch in den Kreis-, Landes- und Verbandsligen auf Plätzen zwischen Kuhwiesen und Maisfeld tief in der deutschen Provinz spielten und niemand, der in Rente ging, darüber nachdachte, statt dem örtlichen Malefiz-Verein beizutreten doch lieber einen Fußballverein zu kaufen.

Doch eins zu eins ist jetzt vorbei – und früher, das ist so sicher wie das Ende jeder Schönheit, schon lange. Heute ist der 3. März 2008 und die TSG 1899 Hoffenheim steht auf Platz drei der 2. Bundesliga. Heute ist der schrecklichste Tag der Saison. Zumindest im Leben all jener, die früher doch so viel besser fanden, die immer noch an der romantischen Vorstellung kleben, dass Fußball wieder dorthin zurückgelangen könnte, wo einst alles begann: auf dem Platz.

Dabei ist es fast schon grotesk, sich über die TSG 1899 Hoffenheim zu echauffieren. Denn die TSG 1899 Hoffenheim funktioniert wie jeder andere Verein der 1. und 2. Bundesliga. Wer - Fan, Spieler, Trainer, Zeugwart, Ultra, Wurstverkäufer - kann sich schon dieser riesigen Maschine, die sich Bundesliga nennt, entziehen? Und wer kann von sich behaupten, nach einem Stadionbesuch sich gänzlich der Hirnwäsche entzogen zu haben? Schlimmstenfalls fliegt man sogar heim in der Jingle- und Werbeblase, die sich längst über den goldenen Gedanken an das Siegtor gelegt hat. Der Ohrwurm der T-Online-Titelmelodie, oder das Bild der ewigen tropfenden Gazprom-Pipeline hat sich nicht mal klammheimlich über all das, von dem man annimmt, es sei früher besser gewesen, gelegt. Ohne Umschweife geht das. Direkt hinein, ohne doppelten Boden, wie ein Stillleben. Eine Idylle. Eine Scheinidylle der Warenwelt.

Doch diese verklebte Blase soll nun zerstört werden - endgültig und richtig und exemplarisch. Die TSG 1899 wird nun zu Gericht getragen, als ob dieser Verein, und besonders die Person Dietmar Hopp, all das Böse der Welt wäre und niemand sonst Schuld trage an dem Niedergang des Fußballs, daran, dass wir nachts davon träumen, wie uns das Maskottchen aus der Halbzeitpause mit der Kettensäge zerstückelt.

Doch inwiefern funktioniert dieser Club, die TSG 1899 Hoffenheim, anders als Schalke, der HSV, Bayern München, Wolfsburg oder sogar der FC St. Pauli? Inwiefern folgt er nicht demselben System, dem gleichen Vokabular und den gleichen Gesetzen? Auch hier ist das Spielermaterial - welch unsägliches Wort dieses auch schon ist, und Schuld daran ist vermutlich auch: die TSG - ausschlaggebend für den Erfolg. Dieses Material wird mit Geld von Sponsoren ermöglicht und nicht dadurch, dass die Mannschaft von sich aus über Jahre wächst und mit attraktivem Fußball die euphorischen Fans ins Stadion lockt.

Down mit der TSG - seit Anbeginn


Was ist nun verwerflicher? Ein Club, der mit diskussionswürdigen Wirtschaftsunternehmen kooperiert, der Spieler längst nicht mehr nur aus Leistungsgründen, sondern vor allem auch immer aus Image- und Prestige- und Vermarktungsgründen an sich bindet? Oder ein Club, der sich von einem Mäzen - das ist Hopp - mit Geld bewerfen lässt? Dietmar Hopp ist ein Sohn der Stadt. Das kann man erstmal konstatieren, ohne dass man versehentlich den Herrn Hopp zum Helden stilisiert. Und Hopp ließ sich Anfang der 90er bereits zu Auswärtsspielen der Kreisliga A chauffieren. Down mit der TSG - seit Anbeginn. Kann das ein Roman Abramowitsch in London, ein Ronald McDonald in Leverkusen, ein Playmobilmännchen in Fürth, ein Wladimir Putin auf Schalke von sich behaupten?

Doch all die dubiosen Kooperationen und Marketingkonzepte der eigenen Vereine werden nun unter den Teppich gekehrt. Denn all das ist nicht so schlimm wie dieser dritte Platz der TSG. Dieser dritte Platz hieße, wäre die Saison jetzt vorbei: Aufstieg. Und das Ende vom Lied. Mal wieder. Ob man mit der Hopp-Methode die großen Gefühle der Fans gewinnt? Nein, mit Sicherheit nicht, denkt der, der die Hülse Tradition als Fortschritt begreift, als eine, die sich bewährt hat. Doch auf Schalke, in Hamburg, in München und Berlin funktioniert es auch mit den großen Emotionen. Sogar in den Werksvereinen Wolfsburg und Leverkusen feiern die Fans nach Siegen, sie weinen nach Niederlagen, sie liegen in den Armen zwischen Sitzkissen mit der Aufschrift „Knackwurst Krüger“ und dem Getränkehalter von Coca Cola.

Nicht Karl Marx sagte: „Ein Fußball-Verein ist mittlerweile ein Wirtschafts-Unternehmen, da zählen nur Erfolge und nackte Zahlen. Und wir Spieler sind moderne Sklaven, allerdings gut bezahlte. Das ist das Geschäft. Knallhart, einfach brutal.“ Giovane Elber war das. Und damit haben sich der Spieler längst arrangiert. Und der Fan, auch moderner Sklave dieser Unternehmungen, allerdings ein gut unterhaltender, irgendwie auch.

Genauso wird man sich auch mit einer TSG 1899 Hoffenheim arrangieren. Und in zehn Jahren wird es keinen Menschen mehr interessieren, ob und wann Dietmar Hopp Geld in die TSG investierte. Das ist nicht unbedingt toll. Doch das Ende des Fußballs? Wenn man derlei apokalyptische Gedanken zeichnen möchte, kann man doch in der Vergangenheit beginnen, vielleicht bei jenem Spiel, bei dem zum ersten Mal Eintritt verlangt wurde.

Und das war nicht vor kurzem, nicht dieses Wochenende, nicht gerade, eben, jetzt. Das war in einem anderen Leben. Früher.

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