Heute vor zehn Jahren trat Sebastian Deisler zurück

»Was hätte ich dafür gegeben, mit ihnen zu tauschen«

Der Politiker Edmund Stoiber, seinerzeit Bayern-Verwaltungsbeirat, kommentiert den Fall Deisler in einem Anflug spektakulärer Pietätlosigkeit: »Eines der größten Verlustgeschäfte des FC Bayern.«

Im Frühjahr 2004 wird Deislers Sohn Raphael geboren, das spendet Kraft und frischen Mut. Der Papa drängt auf den Rasen, der doch sein Auffangbereich ist, irgendwie, der Fußball an sich, dieser infantile Spieltrieb des Kindes im Manne (»Von der fußballerischen Mentalität her bin ich Brasilianer«). Deisler trägt die Haare noch kurzgeschorener, das Gesichts ist runder geworden in seiner psychisch bedingten Zwangspause. Erste Einsätze bei den Amateuren, im Mai 2004 das Comeback in der Bundesliga, verwegene Gedanken an die EM.



Und retrospektiv die Erkenntnis: »Ich schaffte den Anschluss. Dabei hatte ich mich längst übernommen.«

Oktober 2004, ein depressiver Rückschlag. Deisler fehlt nicht fünf Monate, sondern fünf Spiele. Das Jahr 2005 verläuft prächtig, der Hochbegabte bleibt gesund, endlich, Stammspieler in Verein und Nationalteam. Er erzielt Bayerns letztes Tor im Olympiastadion (14. Mai) und den ersten inoffiziellen Münchner Treffer in der Allianz Arena (31. Mai). Beim Confederations Cup trägt Deisler die Nummer »10«, im Herbst schafft er alle drei Europapokaltore seiner Laufbahn (zwei gegen Juventus Turin, eines gegen Rapid Wien). Kurz vor Weihnachten verlängert er beim FC Bayern bis 2009.

Dann: März 2006.

Training, Knorpelabsprengung, das verflixte rechte Knie. Operation, WM-Aus. Eine Tragödie. Als würde die labile Psyche nach einem Ventil im Körper trachten - auch ohne konkreten Anlass, die Zerrissenheit visuell zu dokumentieren.

»Ich bin Uli Hoeneß sehr dankbar«

Im November ist Deisler zurück. Zum wievielten Mal? Im Dezember zieht er sich einen Muskelfaserriss zu. Im Januar fliegt er mit ins Trainingslager. »Ich hatte mich so oft herangekämpft, mir ist die Kraft ausgegangen«, wird er mit etwas Abstand sagen. 62 Bundesligapartien in fünf Bayern-Jahren, das finale Gespräch mit Hoeneß, die Verkündung am 16. Januar 2007. »Ich habe nie die Zeit gehabt zum Wachsen, ich hatte nicht mal die Zeit, Fehler zu machen«, sagt Deisler. »Beim FC Bayern hat man versucht, mir diese Zeit zu geben. Ich bin Uli Hoeneß sehr dankbar, dass er zugehört und mich verstanden hat. Er hat bis zum Schluss an mich geglaubt.«

Sebastian Deisler glaubt nicht mehr dran. Seine Notbremse, der letzte Schrei.

Er will ein selbstbestimmtes Leben, übersiedelt nach Freiburg und meidet die Medien. 2013 wird eine Schadensersatzklage gegen einen ehemaligen Berater bekannt, sonst nichts. Für die global-transparenzsüchtige Fußballbühne war sein Wesen nicht geeignet.

»Da fällt mir eine Geschichte ein. Als ich noch bei Hertha war, saß ich im Mannschaftsbus und blickte aus dem Fenster. Ich sah drei junge Männer, vielleicht 19, 20 Jahre alt, so wie ich damals. Sie hatten Schultaschen über den Schultern, es waren Studenten. Was hätte ich dafür gegeben, mit ihnen zu tauschen.« 

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