Heute vor zehn Jahren trat Sebastian Deisler zurück

November 2003. Nichts geht mehr.

Wenn er spielt, spielt er meistens gut. Freistöße in den Winkel; Vorlagen auf Ballacks Kopf; gescheite Pässe in Schnittstellen, die andere nicht hinkriegen (oder gar nicht auf die Idee kämen). Trotzdem: Deisler beim FC Bayern, das ist eine komplizierte Ehe. »Mein Gott, ich hatte utopische Träume«, rapportiert er. »Ich wollte in die Mitte des Spiels, um einen neuen Geist hereinzubringen, mehr Freude, mehr Miteinander und nicht dieses Egobetonte.« In die Mitte des Spiels, buchstäblich wie symbolisch.

»Mir ging es darum, andere neben mir gut aussehen zu lassen. Aber ich hatte nicht die Position dafür, nicht mehr die Voraussetzungen und auch nicht mehr die Kraft. Am Ende habe ich versucht, mit dem Gedanken zurechtzukommen, nur noch auf der rechten Seite zu spielen. Dieser Spieler war ich nie. Einen Meter neben der Außenlinie fühlte ich mich eingeengt. Ich habe mich mit dieser Begrenzung nicht abfinden können.«

Kreativität statt Korsett. »Ich bin kein Mitläufertyp, dafür war ich zu gut. Aber ich bin auch kein Effenberg. In der Bayern-Kabine Mensch zu sein, ist nicht so leicht. Das schaffst du nur, wenn du dir sagst: Ich bin der Größte. Oliver Kahn hat mal gesagt: Man stumpft ab in diesem Geschäft. Das ist so. Ich kann das aber nicht.« Deisler wählt die Vokabeln »hart, rigoros, zugreifend« als Illustration der Kerneigenschaften zum Territorialanspruch. Die Ideale der Gesellschaft, die Vorstellung davon, wie ein Supersportler zu sein hat, die vorausgesetzte Stressresistenz - diese Facetten bereiten ihm Schwierigkeiten. Deisler sucht Nischen: »Ich habe zu lange geglaubt, ich könnte fehlende Härte wettmachen durch besseren Fußball.«

»Soll ich das der Bild-Zeitung sagen?«

Bayern-Kollege Roque Santa Cruz ist komplett anders. Obwohl ähnlich oft verletzt, »trägt er sein Herz offen«, sagt Deisler über den Paraguayer, den er »wegen seines Fundaments beneidet und bewundert«. Ihm selbst gelingt das nicht, zumindest nicht auf jene Weise, die er für einzig adäquat hält. Wer Angriffsflächen offenbare, sei den Gewalten ausgeliefert, so interpretiert Deisler das gnadenlose Wettbewerbsdenken als Aktiver. »Ich hätte mich gern mal angelehnt, mich ausgeruht. Sollte ich das der ,Bild‘-Zeitung sagen?«

Einwurf von Dieter Hoeneß bei »Bunte«. Als Deisler den 20-Millionen-Scheck vom FC Bayern angenommen habe, »war ihm das Fußballgeschäft nicht zu brutal. Und wenn er schon in Berlin unter dem Starkult litt, war es unlogisch, dass er zu Bayern wechselte, wo noch viel mehr Scheinwerfer auf ihn gerichtet waren.«

Dass Deisler die Begleiterscheinungen der Branche beklage, jedoch integraler Bestandteil davon war, geißelt Lothar Matthäus als Scheinheiligkeit: »Klar, hier kommt man nur mit Ellenbogen voran, aber er hat von dieser Welt profitiert und finanziell ausgesorgt. Glaubwürdig mit seiner Kritik am Fußballgeschäft wäre er nur, wenn er seine Millionen gespendet hätte.« In Deislers 2009 publiziertem Buch »Zurück ins Leben« sind die Annehmlichkeiten als »Schmerzensgeld« deklariert. Die 20 Millionen Mark (10,23 Millionen Euro) zahlt er dem FC Bayern zurück - steuerliche Gründe. 

Auftauchen wird Deisler erst in fünf Monaten

Muss man Mitleid haben, wenn sich ein prosperierender Profi(t)fußballer überfrachtet fühlt? Nein. Muss man Verständnis aufbringen? Sicher nicht. Muss man respektieren, dass hinter jeder Fassade ein Mensch steckt, mal mehr, mal weniger immun gegen Einflüsse, Anforderungen, Druck, unabhängig vom Kontostand? Definitiv ja. Die »Zeit« formuliert weise: »Es ist einem Gesunden schwer zu vermitteln, wie ein Depressiver die Welt erlebt.«

Das Eier-wir-brauchen-Eier-Pamphlet des Keepers Kahn ist eine Woche alt, als Deisler gekonnt serviert. 4:1 für den FC Bayern über Borussia Dortmund. Der doppelte Assistgeber wird nach 64 Minuten ausgewechselt, diesmal sind keine Bänder gerissen oder Knochen gebrochen, aber auftauchen wird Deisler erst in fünf Monaten.

November 2003. Nichts geht mehr. Gar nichts.

»Depression ist ein hässliches Wort. Ich möchte die Krankheit aber nicht verbergen«, sagt der Fußballer, ehe er sich im Münchner Max-Planck-Institut in Behandlung begibt. »Ich war ein normaler Fall. Jeder andere wäre auch an den Erwartungen zerbrochen. Vielleicht bin ich sogar zu normal«, sinniert Deisler später.

»Ich wollte niemanden in der Klinik sehen, nicht einmal meine Eltern. Ich konnte nicht einschlafen, weil ich Angst vor dem Aufwachen hatte. Manchmal hatte ich sogar Angst: Wenn ich einschlafe, wache ich nie wieder auf.«

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