Heute vor zehn Jahren trat Sebastian Deisler zurück

»Das war mein Genickschuss«

Schlagzeile ist das Stichwort. Patsch, diese hier sitzt, präzise wie eine Effetflanke, die Deisler so virtuos zu treten vermag. Am 13. Oktober 2001 titelt »Bild« von einem 20-Millionen-Mark-Darlehen, Absender Bayern München, Empfänger Sebastian Deisler, inklusive Überweisungsabdruck. Ein Handgeld für die Wechselzusage im Sommer 2002. Booom!

»Ja, das war am Vormittag, und am Nachmittag habe ich gegen den HSV gespielt«, sagt Deisler. Er verletzt sich in einem harmlosen Duell am rechten Knie, Luxation und Kapselriss. Zwei Kreuzbandrisse (September 1998, Dezember 1999), einen Meniskusriss (September 1998) und einen Meniskusschaden (Dezember 1999) hat er in diesem neuralgischen Gelenk bereits erlitten, allmählich entpuppt sich sein Sportlerkörper als gefährlich anfälliges Konstrukt. An der Leiste wurde Deisler ebenfalls operiert (März 2000), kurz nach seinem Länderspieldebüt.

»Das hat mir den Fußball versaut, das war mein Genickschuss«

Im Oktober 2001 ist das Knie kaputt und auch der Kopf. Ein paar Monate vorher informiert er Dieter Hoeneß über seinen Abgang, der Manager bittet den Fanliebling, mit der Verkündung zu warten, um Unruhe zu vermeiden. Deisler willigt ein - und erkennt bald, dass er zum Freiwild ausgesetzt ist. »Es war schlimm für mich, nichts sagen zu können. Jeden Tag wurde ich gefragt, von Fans, Journalisten, Mitspielern.« Er muss sich winden und lügen, mit dem Handgeld platzt die Story.

»Und ich stand da wie ein Verräter. Plötzlich wurde ich gehasst in Berlin. Ich wurde beschimpft, als ich mit Krücken auf der Tribüne saß. Ich wurde schuldig gemacht für etwas, wofür ich gar nichts konnte. Ich habe Drohbriefe erhalten. ,Wir kriegen Dich!‘, ,Wir killen Dich!‘«

Das, betont Sebastian Deisler, »das ist es, was mir den Fußball versaut hat. Das war mein Genickschuss.«

Er ist da gerade 21. Und will nicht weiter. »Ich habe hinter runtergelassenen Jalousien gelebt, aber ich konnte noch nicht loslassen.« Zusatz: »Ich hätte damals aufhören müssen.

« 

Eine Glühbirne, die einsam von der Decke hängt

Er hört nicht auf, des Fußballs wegen. Nach 56 Bundesligaspielen und neun Toren wird Deisler in Berlin vom Hof gepfiffen, 9,2 Millionen Euro löhnt der FC Bayern. Was verwirrt: Warum ausgerechnet München, das Fußball-Epizentrum öffentlichen und veröffentlichten Draufhauens, wo die Abgase in Riesenzügen inhaliert werden? Deisler ist naiv genug für die Annahme, im Kreis der Alphamännchen untertauchen zu können; als ein Star von vielen, nicht aber DER Star, wie bei Hertha. Und überhaupt, was ist das eigentlich, ein Star? Deisler sagt: »Für die anderen war ich einer - aber ich habe mich gefühlt wie eine Glühbirne, die einsam von der Decke hängt. Nackt. Für jeden sichtbar. Unter mir war nichts.«

Siebenmal wird er in seiner Karriere an Knie und Leiste operiert. Im Mai 2002, beim bedeutungslosen DFB-Test gegen Österreich, erleidet er einen Knorpelschaden, erneut im rechten Knie. Deisler, der die Nationalmannschaft als Regisseur durch die Weltmeisterschaften 2002, 2006 und 2010 dirigieren soll, muss das Turnier in Japan und Südkorea streichen. 


Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!