Heute vor zehn Jahren trat Sebastian Deisler zurück

»Ich kam mir so lächerlich vor«

Deisler ist immer der Kleinste und Schmächtigste. Und der Stärkste. Als 15-Jähriger wird er in die Jugendnationalmannschaft berufen und zieht vom heimischen Lörrach in Gladbachs Jugendinternat. »Ich hatte ein gutes Elternhaus, aber meine Eltern konnten mir nicht so helfen, sie hatten eigene Probleme. Das hat mich von zu Hause weggehen lassen. Heute weiß ich, dass es viel zu früh war, viel zu schnell ging und viel zu viel war.« Seine Ausbildung zum Bürokaufmann bricht er ab: »Ich habe alles auf die Karte Fußball gesetzt.«

Dieser »Ballast«, wie er es nennt, angereichert von »Ehrgeiz und Talent«, türmt sich zu einer Welle, die »nicht mehr aufzuhalten« ist. Deislers Stern schimmert am deutschen Fußballfirmament, so soll es sein. 1997 wird er bei der U17-WM zum zweitbesten Spieler gewählt, hinter Ronaldinho. Bundesligadebüt 1998, eine Handvoll Partien, das Sensationstor, schon melden sich 26 Vereine aus Europa. Darunter Barcelona, Milan, Madrid. Auch Hertha BSC wirft seinen Hut in den Ring und Manager Dieter Hoeneß trifft in den Verhandlungszimmern auf einen Blutsverwandten vom FC Bayern: »Mein Bruder Uli wollte ihn, aber Sebastian hielt den Zwischenschritt Berlin für richtig.« Die Hertha sahnt ab, für 4,5 Millionen Mark.

»Ich war 19, als die Deutschen meinten, ich könnte ihren Fußball retten«

»Ich war vom ersten Tag an begeistert«, erzählt der damalige Trainer Jürgen Röber in der »Berliner Zeitung«. Deislers Fähigkeiten bezeichnet er als »unglaublich, selbst bei 60 Prozent war er besser als andere mit 100 Prozent«. Die Welle wird noch schneller noch höher, noch voluminöser. Berlin liebt diesen Teenager, der Fußbälle so wunderbar mühelos behandelt, mit kraftvoller Eleganz auftritt und ein einmalig gefühlvolles Innenleben in den Füßen besitzt: Pässe aus Seide, eine phänomenale Schusstechnik und eine Intuition, die nicht zu erlernen ist - bloß zu verfeinern. Weil Deisler, braune Rehaugen, buschige Augenbrauen, kühne Kurzhaarfrisur, dazu ein hübsches Kerlchen ist, giert die Werbeindustrie. Und die Mädchenwelt. Im Prinzip darf er froh sein, vor Facebook, Twitter, Selfiewahn in die Manege katapultiert zu werden.

Zunächst gefällt Deisler die Aufmerksamkeit, »das hat mein Ego gestreichelt. Es hat mir geschmeichelt, dass so viele Kinder mit Trikots mit meinem Namen drauf durch die Stadt liefen. Sogar Erwachsene!«



Der Mittelfeldakteur begreift seinen Sport als Spaß, für sich, für andere. »Ich habe mich gefreut, wenn sich die Leute im Stadion gefreut haben«, sagt Deisler, der intendiert, das Spiel »zu gestalten wie ein Künstler. Es gab für mich Momente, in denen sich Fußballspielen anfühlte wie Tanzen.« Der Youngster schaut auf zu Zinédine Zidane, aber alle schauen auf zu ihm. Eine Boulevardzeitung kreiert den Kosenamen »Basti fantasti«, und plötzlich erinnert sich irgendjemand, dass die Nationalmannschaft ja einen Heilsbringer vertragen könnte.

Ende der Neunziger wörnst und rehmert und rinkt es sehr beträchtlich bei Deutschlands Edelkickern (Özil, Reus und Götze sind Schüler), in diesem Ensemble  gilt Deisler als Abgesandter, wahrscheinlich des Fußballgotts, das ist nicht exakt zu eruieren. Aus Lust wird Last. »Ich war 19, als die Deutschen meinten, ich könnte ihren Fußball retten. Ich allein«, sagt Deisler eine Dekade darauf zur »Zeit«. Spürbar ist die Melange aus Erstaunen und Unverständnis, nach wie vor.

»Ich kam mir so lächerlich vor«

In jenen tristen Zeiten fliegt dem DFB-Team der gleichermaßen aufstrebende Michael Ballack zu, »aber der war vier Jahre älter und spielte im idyllischen Kaiserslautern«, sagt Deisler. Er dagegen: ein Posterboy in der Hauptstadt. Der Anspruch potenziert sich. »Schon in seinem ersten Jahr merkte ich, dass es extrem schwer war, an ihn heranzukommen«, berichtet Dieter Hoeneß. Bei Hertha BSC wird aus dem Fußball- ein Laienschauspieler.

»Über Nacht hatte ich kein Privatleben mehr. Man wollte aus mir den Beckham von der Spree machen, aber das war ich nicht. Es gab auch Phasen, in denen ich versucht habe, mich über Äußerlichkeiten zu definieren. Ich kam mir so lächerlich vor. Ich habe mir schicke Uhren gekauft, teure Brillen, Klamotten wie sie. Wir sind abends die Läden abgefahren, Frauen haben wir natürlich auch kennengelernt, das ist nicht schwer als bekannter Spieler. Ich habe mitgemacht, ich habe mitgelacht und dabei bemerkt, dass ich nicht froh war. Jeder wollte was von mir wissen, wo ich meine Jeans kaufe, nach welchem Parfüm ich rieche, mit welchen Gefühlen ich an den Mauerfall zurückdenke. Als die Mauer fiel, war ich neun.«

Sebastian Deisler ist ein Model der fußballerischen Fashionweek, die - wie praktisch! - in Berlin stattfindet. Deisler, der letzte Schrei. »Ich wollte ja dazugehören«, sagt er, das Geschäft definiere sich primär über »Status, Ego, Macht. Ich habe lange versucht, den Schein zu wahren. Ich trug eine Maske, innerlich habe ich rebelliert. Heute frage ich mich, ob das System, das ich verlassen habe, vielleicht kranker ist, als ich es war.«


Deisler sträubt sich, ein testosterongeschwängertes Objekt des Sportmedienkosmos zu sein, das Naturell versperrt diese Ausfahrt. Er hat eine schicke Wohnung, ein dickes Auto und hohe Popularitätswerte. Und besonders: Sorgen. Je intensiver gezerrt wird, desto wuchtiger gerät das Schneckenhaus. »Ich fühlte mich wie ein trauriger Clown. Stellen Sie sich mal die Schlagzeile vor: ,Der Retter des deutschen Fußballs muss gerettet werden.‘«

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