Heute vor 55 Jahren: Das Skandalspiel Schweden-Deutschland

Rote Karte für Juskowiak!

Der Rest ist Zeitgeschichte. Erich Juskowiak flog in der aufgeheizten Stimmung wegen Nachtretens vom Platz und erzürnte Sepp Herberger mit dieser Aktion dermaßen, dass der ihn nie wieder in der Nationalmannschaft spielen lassen wollte. Eine Entscheidung, die der Chef erst viel später, und der Legende nach nur auf Drängen seiner Frau, wieder rückgängig machte. Fritz Walter konnte nach einem Foul in der zweiten Halbzeit kaum noch laufen, und die deutschen Stürmer, wenn sie denn einmal nicht ins Abseits liefen, vergaben gleich eine ganze Reihe bester Möglichkeiten.



Doch von eigenem Verschulden wollte beim DFB niemand etwas wissen. Verbandspräsident Peco Bauwens war wegen der schwedischen Zuschauer sogar noch Tage später beleidigt und sagte die Teilnahme der Mannschaft am traditionellen Abschlussbankett ab, obwohl ihn der deutsche Botschafter in Stockholm inständig bat, es nicht zu einem solchen Affront kommen zu lassen.

Das Verhältnis beruhigte sich erst nach Jahren wieder

Von solchen Vorbildern angestachelt, kochte in der Heimat die Volksseele. »Bild« sammelte über 2000 Protestbriefe, es kam zu Übergriffen auf schwedische Touristen, Künstler und Stewardessen, bei der Kieler Woche wurde gar ein schwedischer Kinderchor wüst beschimpft. Die Botschaften beider Länder hatten alle Hände voll zu tun, das Verhältnis wieder zu beruhigen, was allerdings noch Jahre dauern sollte.

Mitunter trieb die Wut auch skurrile Blüten. Ein Hamburger Restaurant nahm symbolisch die »Schwedenplatte« von der Speisekarte, ein Tankstellenpächter in Flensburg weigerte sich, Autos schwedischer Touristen zu betanken, woraufhin die nicht mehr nach Hause kamen, und eine Bar auf der Reeperbahn verlangte von deutschen Gästen eine Mark für ein Bier, von Schweden hingegen fünf.

Vor dem Finale Schweden gegen Brasilien hielten sich die Einpeitscher dann übrigens merklich zurück und traten während der Partie gar nicht in Erscheinung. Denn auch die FIFA hatte zwischenzeitlich wissen lassen, dass sie nicht besonders glücklich über die schwedischen Kapos sei. Brasilien gewann 5:2, der 17-jährige Pelé schoss zwei Tore, und das Publikum feierte beide Mannschaften.