Heute vor 25 Jahren: Das letzte Länderspiel der DDR

»Hätte schlimmer kommen können«

Was im Rückblick noch auffällt: Sie hatten alle sehr lustige Frisuren.
Na klar, vorne kurz, hinten lang, unsere Einheitsfrisur. Alle bis auf Matthias Sammer, der hatte damals schon seinen eigenen Kopf.

Auf der Bank saßen zwei Feldspieler und Sie als Ersatztorwart. Hatte Eduard Geyer Ihnen vorher den Einsatz versprochen?
So etwas wie eine Einsatzgarantie gibt es bei ihm nicht. Erst nach dem 2:0 von Matthias in der Schlussminute habe ich das Zeichen bekommen. Gerade noch rechtzeitig. Stellen Sie sich mal vor, der Schiedsrichter hätte das Spiel nicht unterbrochen und irgendwann abgepfiffen, dann hätte ich schön blöd ausgesehen an der Außenlinie.

Hatten Sie Angst, sich anderweitig zu blamieren? Mit einem blöden Gegentor in der Nachspielzeit?
So weit hab ich nicht gedacht, ich musste mich konzentrieren. Es flogen ja noch zwei Eckbälle in den Strafraum, da hätte durchaus was passieren können.

Nach genau 102 Sekunden war Ihre Länderspielkarriere auch schon vorbei, ohne dass Sie einmal den Ball berührt haben.
Hätte schlimmer kommen können. Natürlich wäre es schon schön gewesen, wenn die Mauer ein bisschen früher gefallen wäre. Aber ich kann mich nicht beklagen. Nationalspieler wird ja auch nicht jeder.

Wie war die Stimmung in der Kabine? Wehmütig oder ausgelassen?
Weder noch. Es ist ja damals so viel passiert, da hatte man gar keine Zeit, sich länger mit so etwas zu beschäftigen. Ich kann mich zum Beispiel kaum noch daran erinnern, dass an diesem Tag der 2+4-Vertrag in Moskau unterschrieben wurde. Wir haben alle von Tag zu Tag gedacht und haben uns nur ein bisschen über den Sieg gefreut.

Gab es noch ein rauschendes Bankett und eine lange Nacht in Brüssel?
Nein. Ein paar sind in die Stadt gegangen, andere an die Hotelbar, ich hab ein Bier auf meinem Zimmer getrunken. Wir hatten ja schon zwei Tage später mit dem HFC ein wichtiges Spiel bei Hansa Rostock, das war in dieser letzten Oberligasaison die überragende Mannschaft in der DDR.

Aber am Flughafen Schönefeld stand doch bestimmt ein Empfangskomitee.
Na klar. Wieder ein Wartburg, der Dariusz und mich nach Rostock gefahren hat. Und wissen Sie was? Das Länderspiel hat mich wirklich beflügelt. Wir haben ein 1:1 geholt und uns am Ende der Saison für die Zweite Bundesliga qualifiziert.

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Das Interview erschien am Freitag in der gedruckten Ausgabe des Tagesspiegel