Heute vor 10 Jahren: Das Wunder von Istanbul

»So fühlt sich also Glück an«

Längst Legende: Heute vor zehn Jahren schlug der FC Liverpool den AC Mailand nach 0:3-Pausenrückstand und gewann die Champions League. Didi Hamann erinnert sich.

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Das Spiel war nicht mal 24 Stunden alt, da wurden die Mythen geboren. Die italienische »Repubblica« titelte »Postkarte aus der Hölle«, ein Journalist schrieb »Gott ist ein Scouser«, und unser Torwart Jerzy Dudek widmete den Sieg sogar dem Papst. Und so ging es weiter. Bis heute. Jeder Aspekt des Spiels wurde ein kleines bisschen überhöht. Die Leute berichteten von Rafael Benitez’ Halbzeitansprache, als seien sie selbst dabei gewesen. Er habe vor uns die Taktik seines Lebens ausgebreitet, andere glaubten, in der Kabine herrschte pures Chaos. 2009 entstand sogar der Kurzfilm »15 Minutes That Shook the World«, in dem die Kabinensituation mit Benitez, mir und einigen Spielern nachgestellt wurde. Benitez sagt in diesem Film: »What is Hamann? What has he got? He smokes, he drinks, he uses pot! But he will shine, he’ll close our ranks!« Danach schickt er mich, seinen Kraut, in die Schlacht. Der gute alte britische Humor.

Eine Kurve ganz in Rot

All die Geschichten sind zwar schön anzuhören, aber letztendlich kam es nur auf eine Sache an: Wir brauchten ein verdammtes Tor, um zurück ins Spiel zu kommen. Sie finden, das klingt einfach? Vielleicht! Doch der Weg dahin war steinig.

Ich hatte mich wochenlang auf das Finale gefreut, ich malte mir den Gang in das mit 70.000 Zuschauern gefüllte Atatürk-Stadion aus. Eine Kurve ganz in Rot, 30.000 Fans aus Liverpool, die Wahnsinnigen, die uns überall hin folgten. Wir würden frei aufspielen, denn wir gingen ohne Druck in das Spiel, wir waren gegen den AC Milan klarer Außenseiter.

Doch der größte Tag meines Fußballerlebens begann mit der größten Enttäuschung: Benitez erklärte mir, dass er mit Harry Kewell statt mir beginnen würde. Gerade nach dem Halbfinale gegen Chelsea, in dem ich eine gute Figur gemacht hatte, überraschte mich das. Doch wie heißt es: Mund abwischen, weitermachen. In dem Fall: Trainingsjacke anziehen, Ersatzbank. Von dort aus sah ich die grausamsten 45 Fußballminuten seit langem. Es ging alles schief. Der Minutenanzeiger hatte noch keine ganze Umdrehung hingelegt, da machte Paolo Maldini das 1:0 für Milan, und Hernan Crespo erhöhte mit einem Doppelpack vor der Pause auf 3:0. Was war denn hier los? Würden wir als die Deppen mit der höchsten Finalniederlage in die Geschichte der Champions League eingehen?

»Trainer, bei mir geht nichts mehr.«

Mit gesenkten Köpfen ging es in die Kabine. Rafael Benitez, dieser coole Typ, stand da und malte auf der Taktiktafel herum. Er nahm Djimi Traore aus der Elf, der sofort im Duschraum verschwand. Doch dann meldete sich Steve Finnan: »Trainer, bei mir geht nichts mehr.« Traore, mittlerweile nackt, wurde zurückgerufen und streifte sein verschwitztes Jersey wieder über. Irgendwie herrschte nun doch kurz Chaos. Auf einmal standen zehn, dann zwölf Spieler auf der Taktiktafel. Was danach geschah – keine Ahnung. Benitez schickte mich zum Warmmachen. Ich joggte aufs Feld und fragte mich noch: Bin ich sein Spieler für die Schadensbegrenzung?