Heute ist Trapattonis Wutrede genau 20 Jahre her

Traumvorlage für Götter der Photoshopkunst

Tatsächlich würde der Influencer fortan als wandelndes GIF in Dauerschleife existieren, Instagram enthielte Fotos, die einen Grandseigneur der Fußballlehre zeigen, wie er im Trainingskittel mit der flachen Hand auf den Tisch schlägt, ehe sich sein Zeigefinger zur Drohgebärde aufrichtet, was ebenfalls problematisch wäre, weil auch er nicht Beckenbauer heißt.

Der Mister aus Italien mit angeschwollener Halsschlagader, köchelnd rotem Kopf und erbost aufgerissenem Mund - eine Traumvorlage für Götter der Photoshopkunst.

Weiter müsste Trapattonis Eruption nicht bis zur 20-Uhr-Tagesschau für Ruhm und Ehrerbietung warten, und baffe Bayern-Reporter an den Bistrotischen im Pressekonferenzsaal könnten es sich sparen, ihre Redaktion entgeistert anzubrüllen, dass sich an der Säbener Straße ein Naturschauspiel zugetragen hatte. Alle wüssten längst alles.

»Müde jetzt, Vater und Mutter zu sein diese Spieler!«

Schwierigkeiten bekäme Trapattoni aufgrund der Tücken politischer Korrektheit, abzusehen wäre, wie Gleichstellungsbeauftragte mit einem größeren Aktionsradius als Basler beim Absacker eine Tirade nach der anderen lostreten.

»Müde jetzt, Vater zu sein diese Spieler!« Ohne Diffamierung und Ausgrenzung muss es selbstverständlich lauten: »Müde jetzt, Vater und Mutter zu sein diese Spieler!« Oder: »Es gibt Momente in diese Mannschaft, einige Spieler vergessen ihren Profi, was sie sind.« Adäquater: »Es gibt Momente in diese Mann- und Frauschaft, einige Fußballspielende vergessen ihren ProfiInnen, was er/sie sind.«

Nur die Auftritte bei Reinhold Beckmann, Markus Lanz und Anne Will - die gäben sich nicht viel.

Und dann kam Bochum

Als Trapattoni, stechender Blick, Todesstern des Südens, sein wutschnaubendes Referat nach dreieinhalb Minuten abgeschlossen hatte, warf ihm jemand ein »Bravo« zu, andere begannen zaghaft zu klatschen. Das Jahr 1998 kannte weder Facebook noch Twitter noch Instagram, aber für die Gewissheit, gerade Historisches erlebt zu haben, genügte der Menschenverstand. Trotz seiner Titel: Das ist Trapattonis Vermächtnis.

Am nächsten Samstag empfing der FC Bayern übrigens wirklich den VfL Bochum. Scholl und Basler standen in der Anfangsformation, Strunz saß auf der Bank. Die Bayern-Fans hatten Transparente gepinselt, von denen blumig »Giovanni« prangte, die i-Punkte in Herzform verziert.

So viel Aufregung. Und dann noch dieses Fußballspiel. Es endete 0:0.