Hesses WM-Countdown (39): Wenn Minuten nur Sekunden sind – oder umgekehrt

Pünktlichkeit ist eine Tugend

Auch Mister Leslie Mottram hatte es nicht eilig. Der Lehrer aus Wilsontown in Schottland quälte die Zuschauer der strunzlangweiligen Partie zwischen Bolivien und Südkorea bei der WM 1994 nämlich mit 8 Minuten und 36 Sekunden Nachspielzeit. Dabei war während der Partie nichts geschehen, was das nötig gemacht hätte – es war nicht einmal ein Tor gefallen.

Es gibt natürlich auch das gegensätzliche Phänomen. Das WM-Halbfinale 1982 zwischen Frankreich und Deutschland war Mitte der zweiten Hälfte lange unterbrochen, weil Toni Schumacher den eingewechselten Patrick Battiston auf seine ganz eigene Art im Spiel begrüßte. Trotzdem ließ der holländische Referee Charles Cover nur 3 Minuten und 30 Sekunden nachspielen, bevor es in die Verlängerung ging.  

Pünktlichkeit ist eine Tugend

Neben der schneller und der langsamer verstreichenden Zeit gibt es im Universum der Unparteiischen auch noch eine dritte Zeitachse. Sie läuft parallel zu jener in der normalen Welt, und zwar so penibel und exakt, dass sie durch nichts, aber auch gar nichts beeinflusst werden kann. Am 3. Juni 1978 beendete  der walisische Referee Clive Thomas das WM-Gruppenspiel zwischen Brasilien und Schweden auf die Sekunde genau nach 90 Minuten. Dabei war es ihm völlig egal, dass er den Brasilianern nur Momente vorher einen Eckball zugesprochen hatte und dass das Leder durch den Strafraum segelte, während er seine Pfeife in Gebrauch nahm. Zico köpfte den Ball prompt ins Tor, doch der Treffer galt nicht. Die Begegnung endete 1:1, weshalb Brasilien in der schwereren Zwischengruppe mit Gastgeber Argentinien landete.

Wer jetzt noch daran zweifelt, dass Fußball-Schiedsrichter Zeit anders empfinden, dem sei noch der polnische Referee Stanislaw Eksztajn in Erinnerung gerufen. Am 1. November 1972 leitete er das WM-Qualifikationsspiel zwischen Holland und Norwegen in Rotterdam. Als der norwegische Torwart Per Haftorsen einen Abstoß etwas gemächlich ausführte, blickte Eksztajn auf seine Uhr, eilte hinüber zum Keeper und zeigte ihm die Gelbe Karte wegen Spielverzögerung. Die Partie war noch keine fünf Minuten alt.