Hesses WM-Countdown (28): Glücksfee im Baumarkt

Von Kinderhand erstellt

Heute ist das schwer vorstellbar, doch 1974 war noch am Tag der Auslosung nicht klar, welche Mannschaften überhaupt zur WM fahren würden. Schuld daran war zum einen das Tor, das ein Stürmer von Roter Stern Belgrad namens Stanislav Karasi zwei Wochen zuvor in Griechenland erzielt hatte – und zwar in der 90. Minute. Es führte dazu, dass Jugoslawien die Qualifikation mit der gleichen Anzahl von Punkten und der gleichen Tordifferenz beendete wie Spanien. Es musste ein Entscheidungsspiel zwischen diesen Mannschaften her, das erst Mitte Februar 1974 ausgetragen wurde.

Das war ärgerlich, doch nicht mehr. Richtig heikel war hingegen der Fall Chile. Die Südamerikaner sollten in Playoffs gegen die UdSSR antreten. Das Hinspiel in Moskau endete 0:0, doch zum Rückspiel kam es nie. Kurz vor der ersten Partie hatte in Chile das Militär geputscht. Augusto Pinochet stürzte die gewählte Regierung von Salvador Allende und ging mit größter Brutalität vor. Echte oder auch nur vermeintliche politische Gegner wurden gefoltert und getötet. Die UdSSR bezeichnete das Nationalstadion in Santiago nicht zu Unrecht als »Konzentrationslager« und weigerte sich, dort anzutreten.  

Es kam, wie es kommen musste 

Der Fall beschäftigte die FIFA wochenlang, ohne dass eine Entscheidung fiel, auch weil man damit rechnen musste, dass bei einer Disqualifikation der UdSSR alle Ostblockländer dem Turnier fernbleiben würden. Erst unmittelbar vor der Auslosung gab die FIFA bekannt, dass Chile zur WM fahren dürfte. Prompt zog Lange dieses Land zuerst – und zwar in die Gruppe, in der die BRD schon gesetzt war und in der wenige Minuten später auch die DDR landete. 

Ewald musste nun also Moskau nicht nur erklären, warum sein Land nicht aus Solidarität mit der UdSSR zurückzog, er musste zudem ausführen, warum die DDR gegen die Mannschaft des Pinochet-Regimes antreten würde. Ach ja, und das dann auch noch in West-Berlin, das von der DDR nicht als Teil der BRD betrachtet wurde. Kein Wunder, dass Ewald den DFV bat, das Team abzumelden, was Günter Schneider ihm erst nach einigen Diskussionen ausreden konnte.

Misstrauen in Buenos Aires

Auch wenn Lange Zorn auf sich zog, niemand verdächtigte ihn der Manipulation. Vier Jahre später sah das etwas anders aus. Am 14. Januar 1978 spielte vor weltweit 700 Millionen Fernsehzuschauern wieder ein Kind Glücksfee, diesmal sogar ein Kleinkind. Ricardinho war gerade mal drei Jahre alt, als er die Lose zog, mit denen diesmal fast alle zufrieden waren. Bis auf die Argentinier. Der WM-Gastgeber erwischte nämlich eine extrem schwierige Gruppe mit Italien, Frankreich und Ungarn, das nur eines seiner letzten zwölf Spiele verloren hatte. Der »Kicker« schrieb: »Jedes Mal, wenn einer der Gegner genannt wurde, ging mehr ein Stöhnen als ein Raunen durch den Saal.«

Und dieses Stöhnen hatte einen Anklang von Misstrauen. Denn Ricardinho hieß mit vollem Namen Ricardo Teixeira Havelange. Er war der Enkel des brasilianischen FIFA-Präsidenten João Havelange. Man darf davon ausgehen, dass er heute nicht in einem Baumarkt arbeitet.