Hesses WM-Countdown (2): Als Rod Stewart auf dem Holzweg war

Pleiten, Pech und Kilts

Vor 40 Jahren fuhr Schottland als Favorit zur WM. Ja, Schottland. Sogar die Sonderbriefmarke zum Triumph war schon geplant, doch dann ging alles schief. 

imago

Als im Juli 2017 in London das Britische Postmuseum eröffnet wurde, durften Journalisten auch einen Blick in das umfangreiche Archiv werfen. Dort schlummern neben zahllosen Artefakten aus fünf Jahrhunderten auch Erinnerungsstücke an Ereignisse, die niemals stattgefunden haben: Briefmarken, die zwar entworfen wurden, dann aber nicht in Druck gingen.

 

Für den britischen Fußball sind zwei dieser Marken besonders interessant. Sie wurden im Mai 1978 in Auftrag gegeben und von dem englischen Künstler Barry Wilkinson gestaltet. Auf der Marke für elf Pence sieht man im Hintegrund einen Schiedsrichter, der offenbar eine Begegnung abpfeift, während im Vordergrund vier Spieler in Dunkelblau jubeln. Auf der Neun-Pence-Marke reckt ein Mann den WM-Pokal in die Höhe, umringt von feiernden Mitspielern. Der Mann ist Bruce Rioch, der Kapitän der schottischen Nationalelf. Auf beiden Marken steht: »Schottland – Weltmeister 1978«.

 

Auch Rod Stewart glaubte an den Titel     

 

War die Royal Mail damals verblendet, gar größenwahnsinnig? Aus heutiger Sicht muss man sagen: absolut. Doch damals stand sie mit ihrem fast grenzenlosen Optimismus nicht allein. So nahm Rod Stewart nicht nur einen WM-Song auf, sondern gleich zwei. Den ersten nach der geschafften Qualifikation, den zweiten vor dem Turnier. Im Refrain hieß es: »Ole ola, Ole ola/We're gonna bring that World Cup/Back from over there.«  

 

Das hielten auch die Buchmacher durchaus für möglich. Noch drei Tage vor dem Beginn der WM hatten nur vier Teams – Brasilien, Gastgeber Argentinien, Titelverteidiger Deutschland und Holland – bessere Wettquoten als die Schotten. Viele Experten zählten Schottland ebenfalls zum Favoritenkreis. So wurde der komplette deutsche Kader zum Auftaktspiel der Schotten gegen Peru geschickt, weil DFB-Trainer Helmut Schön davon ausging, im späteren Turnierverlauf auf die Briten zu treffen.

 

»Der Tag, an dem der schottische Fußball die Welt erobern wird«

 

In gewisser Weise kann man diese Zuversicht verstehen, denn Schottlands Trainer Ally MacLeod standen eine Menge starker Spieler zur Verfügung: Kenny Dalglish, Graeme Souness, Joe Jordan, Alan Hansen oder Archie Gemmill. Dann war da noch MacLeod selbst, der unerschütterliches Selbstvertrauen versprühte. Kurz vor der Abreise nach Argentinien sagte er den Journalisten: »Ihr könnt euch schon mal den 25. Juni 1978 als den Tag anstreichen, an dem der schottische Fußball die Welt erobern wird.« Es war natürlich der Tag des WM-Endspiels.

 

Doch noch bevor der Ball rollte, lief es für die Schotten nicht nach Plan. Ersten Berichten zufolge hatten nicht weniger als 70.000 Fans ihr Team in Argentinien unterstützen wollen, doch diese Zahl schrumpfte stetig. Die argentinische Militärdikatur erlaubte keine Charterflüge, und der Plan, die Fans auf eigens gemieteten Schiffen über den Atlantik zu bringen, ließ sich nicht umsetzen. So blieben nur reguläre Linienflüge, die äußerst teuer waren. Ein Metzger aus Glasgow verlaufte sogar sein Geschäft, um sich die Reise leisten zu können. Doch nur wenige folgten seinem Beispiel. Von den zunächst prognostizierten 70.000 Kilt-Trägern blieben am Ende gerade 700 übrig.