Hesses WM-Countdown (12): Der größte Fan

Der Boss regt sich auf

Von 1965 bis 1982 verpasste der Rheinländer, den man nur selten ohne seine Zigarre sah, bloß die sechs Länderspiele im Rahmen der WM 1978 in Argentinien und die beiden Partien bei der so genannten Mini-WM in Uruguay 1981. Als Jupp Derwalls Kader ein Jahr später zur WM nach Spanien reiste, hatte »Boss« Gaulke 167 Spiele der Nationalmannschaft besucht – in Ländern von A wie Albanien bis Z wie Zypern.

Vom ersten WM-Auftritt der Elf, dem 1:2 gegen Algerien, war Gaulke ebenso entsetzt wie alle anderen Fans. Er hatte ohnehin so seine Probleme mit der neuen Generation von Profis. Sie waren nicht mehr wie sein Lieblingsspieler Sepp Maier. Sie kümmerten sich nicht viel um die ganz normalen Fans und kauten Kaugummi bei der Nationalhymne. Gaulke mochte das nicht.

Und doch schien sich alles noch zum Guten zu wenden. Vor der Begegnung mit Chile am 20. Juni feierte Gaulke seinen 67. Geburstag. Auf Einladung des DFB durfte er zusammen mit der Mannschaft essen, die das Spiel 4:1 gewann. Gaulke freute sich wie ein Schneekönig.

Eier auf die Mannschaft

Dann kam Gijon, Gaulkes 170. Länderspiel. Gegen den Rivalen Österreich ging Deutschland früh mit 1:0 in Führung. Nach knapp 30 Minuten merkten die Kicker, dass dieses Resultat beiden Teams reichen würde, und stellten das Spielen ein. Ohnmächtig sahen nicht nur die Algerier zu, wie die 22 Mann auf dem Rasen das Fairplay mit Füßen traten. Als die deutschen Spieler anschließend wieder ins Hotel gingen, wurden sie von ihren eigenen Fans beschimpft und mit Eiern beworfern. Zur Antwort warfen sie vom Balkon Wasserbomben zurück.

Am nächsten Morgen saß Gaulke beim Frühstück, das wie immer vor allem aus einer Zigarre bestand. »Das hat mich alles sehr aufgeregt«, murmelte er. Nachmittags sah man ihn zusammen mit Hans-Georg Damker, dem Koch des DFB. Wieder beschwerte er sich über das unmögliche Verhalten der deutschen Spieler.

Heß kommt zu spät

Zum Abendessen ging Gaulke ins bekannte »Restaurante Las Delicias«. Auch einige Journalisten waren dort. Der »Boss« setzte sich zu ihnen und wiederholte noch mal, wie sehr ihn das Spiel aufgeregt hatte. Dann brach er am Tisch zusammen.

Man kann den Status, den Richard Gaulke genoss, daran erkennen, dass der DFB-Arzt Prof. Dr. Heinrich Heß sofort zum Krankenhaus eilte, als er die Nachricht bekam, dass es dem »Boss« nicht gut ging. Heß kam zu spät. Als er eintraf, war der größte Fan der Nationalelf an einem Herzinfarkt gestorben.