Hesses WM-Countdown (12): Der größte Fan

Ach du Schande!

Der »Nichtsangriffspakt« zwischen Österreich und der DFB-Elf regte 1982 viele Menschen auf – vor allem einen Edelfan, den sogar die Spieler nur den »Boss« nannten.

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Die Weltmeisterschaft 1982 in Spanien gehört zu den dunkelsten Kapiteln in der Geschichte der (west-) deutschen Nationalelf. Ja, das Team erreichte das Finale. Aber der Fußball war so ernüchternd wie das Verhalten der Mannschaft empörend. 

 

Von der fast greifbaren Arroganz des Auftaktspiels gegen Algerien, über den als »Schande von Gijon« bekannten Nichtangriffspakt mit Österreich bis zum Foul von Harald Schumacher an Patrick Battiston: Bei diesem Turnier verlor die DFB-Auswahl eine ganze Generation von Anhängern. Und ihren treuesten Fan. Im wahrsten Sinne des Wortes.

 

Sie nannten ihn den »Boss« 

 

Der Mann hieß Richard Gaulke. Er wurde 1915 in Monheim am Rhein geboren und blieb sein ganzes Leben dort wohnen. Lange Jahre war er Vorsitzender des 1. FC Monheim von 1910, außerdem leitete er die Dienstleistungsfirma Elektro Gaulke, die bis Ende der 1990er Jahre bestand und dann von der Monheimer Elektrizitäts- und Gasversorgungs GmbH aufgekauft wurde. 

 

Gaulke war ein wichtiger Arbeitgeber der Stadt und wohnte in einer Villa. Kein Wunder, dass man ihn in seiner Heimatstadt den »Boss« nannte. Doch trotz seines Wohlstandes machte Richard Gaulke nicht ein einziges Mal Urlaub. Das lag am Fußball.

 

Mit zehn Jahren zum ersten Länderspiel

 

Schon mit zehn Jahren setzte er sich auf sein Rad und strampelte 25 Kilometer nach Norden, um die Nationalelf in Düsseldorf gegen Holland spielen zu sehen. Später fuhr er der Elf mit dem Zug hinterher (in der »3. Holzklasse, weil kein Geld da war«, wie er 1980  dem »Kicker« erzählte). Zuerst noch sporadisch, doch mit Beginn der 1950er war Gaulke regelmäßig vor Ort, wenn (West-) Deutschland Fußball spielte. 

 

Mit der Zeit wurde er zu dem, was man heute einen Edelfan nennen würde, was nicht zuletzt daran lag, dass er als Präsident des 1. FC Monheim Ende der 1950er einen gewissen Paul Janes als Trainer verpflichtete. Bis 1970 war Janes Rekordnationalspieler des DFB.

 

Bald durfte Gaulke bei Auswärtsspielen und Turnieren im selben Hotel wohnen wie die Nationalelf. Ab 1970 reiste er im selben Flieger wie die DFB-Auswahl zu Großereignissen an. Jeder im Tross – vom Nationaltrainer über die Betreuer bis zu den Spielern – duzte Gaulke, die meisten sprachen ihn sogar ohne jede Ironie mit »Boss« an. Die Presse nannte ihn manchmal »König Richard«, in Anlehnung an den Spitznamen des legendären Nationalspielers Richard Hofmann.