Herthas zweiter Frühling

„Berlin hat ein riesiges Potential“

Hertha BSC überwintert auf dem fünften Tabellenrang. Eine Position, die nicht zuletzt die Youngster um Fathi und Boateng erarbeitet haben. Da geht gerade ein Konzept auf, soviel steht fest. 11freunde.de sprach mit Herthas Jugendkoordinator Frank Vogel. Imago Herr Vogel, einer Ihrer Zöglinge, der erst 20-jährige Ashkan Dejagah, hat am Wochenende gegen Aachen  den Siegtreffer erzielt. Mit Malik Fathi und Kevin Boateng standen zwei weitere Nachwuchsspieler in der Anfangsformation, die zurzeit in aller Munde sind.

Das Interesse ist natürlich erfreulich und zugleich auch verdient, immerhin haben unsere Jungspieler einen nicht unwesentlichen Anteil am Erfolg der Profis. Mich überrascht nur der Zeitpunkt, weil wir schon seit Jahren erfolgreich arbeiten. Ähnlich wie heute zählten auch in der vergangenen Saison viele Amateure zum Bundesligakader.

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Es ist also keine Momentaufnahme.

Nein. Jugendarbeit ist ein langwieriger Prozess, bei dem es sich schwer vorhersagen lässt, welche Spieler den Sprung schaffen. Im Moment sieht es aber so aus, als würden einige Spieler gute Chancen haben.

Wann hat der Verein angefangen, verstärkt auf die Jugend zu setzten?

Das fällt in die Zeit, als Dieter Hoeneß Ende 1996 zum Verein stieß. Für die Grundsteinlegung war seine Erfahrung beim VfB Stuttgart sehr hilfreich. Zusammen mit Falko Götz, meinem Vorgänger, hat er die entscheidenden Projekte auf den Weg gebracht: das neue Trainingsgelände, das Internat und die Kooperation mit einer Berliner Gesamtschule.

Das klingt, als hätte der neue Manager zunächst Überzeugungsarbeit leisten müssen.

Der Verein hat insgesamt umgedacht: Einerseits sollten die besten Nachwuchsspieler der Stadt gebunden werden – in Berlin gibt es ein riesiges Potential –, andererseits wurde die bundesweite Sichtung forciert. Darüber hinaus mussten auch noch die Gelder freigeschaufelt werden – das war ein harter Kampf, der sich letztlich ausgezahlt hat.

War die schwierige Finanzlage der Hertha ein Argument für das Engagement?

Der Verein stand damals gut da, spielte 1999 in der Champions League, die Not, aus finanziellen Erwägungen auf die Jugend zu setzten, war also nicht da. In schlechteren Zeiten, so die Strategie, sollten aber Alternativen zu teuren Neuverpflichtungen vorhanden sein. Außerdem war es ein Bedürfnis, Spieler aus dem eigenen Jugendbereich bei den Profis zu integrieren.

Um sie irgendwann gewinnbringend zu verkaufen.

Das ist nicht das erklärte Ziel. In erster Linie wollen wir dem Profikader Verstärkungen anbieten – aber es ist trotzdem schön, wenn es passiert. Der Transfer von Alexander Madlung zum VfL Wolfsburg beispielsweise bedeutet, dass unsere Arbeit Anerkennung findet und die Aufwendungen während seiner Ausbildungsphase refinanziert werden können. In der Regel achten die Vereine jedoch darauf, wann Verträge auslaufen. Transfererlöse sind immer mehr dem Zufall überlassen.

Für Alexander Madlung überwiesen die Wolfsburger eine Millionen Euro nach Berlin. Sein Abgang war, wie es scheint, verschmerzenswert und ein Beweis, dass er in Berlin gescheitert ist.

Nein, damit würde ich ihm unrecht tun. Fest steht jedoch: Aufgrund seiner inneren Unruhe und fehlender Zielstrebigkeit, an sein Limit heran kommen zu wollen, war der Transfer für beide Seiten von Vorteil. Er wird mit Sicherheit ein ordentlicher Bundesligaspieler werden und auf 200 bis 300 Einsätze kommen. Ob seine Konstanz für mehr reicht, bleibt offen.

Was allgemein behindert junge Spieler auf ihrem Weg nach oben?

Einigen fehlt ein klarer Wille, das angestrebte Ziel zu erreichen. Der Weg nach oben, der Übergang vom Amateur zum  VIP-Status Profi birgt viele Gefahren. Plötzlich ist man ein überall gern gesehener Gast und verdient auch ein paar Euro mehr. Verlockungen wirken sich negativ auf die Konzentration aus und befördern den Irrglauben, bereits etabliert zu sein. Richtig hingegen ist, ein Bewusstsein zu entwickeln, noch lange nicht am Ende der eigenen Entwicklung zu sein und weiter lernen zu müssen.

So wie bei...

Malik Fatih. Er ist ein überragendes Beispiel und nicht umsonst der erste A-Nationalspieler, der aus unserer Jugendakademie stammt. Er fällt nie durch Eskapaden auf,  ist konstant in seinen Leistungen und fokussiert auf das Wesentliche. Was links und rechts passiert, ist ihm egal.

Links und rechts lauern jedoch nicht nur Gefahren, sondern spielt sich auch das wahre Leben ab.

Unsere Spieler sind nicht weltfremd. Wir konfrontieren sie bewusst mit tagespolitischen Themen und versuchen gesellschaftliche Werte zu vermitteln. Unsere Gruppenmaßnahmen zielen nicht nur darauf, die Probleme, die sich im Verlauf der Karriere stellen, zu beleuchten. Die Spieler nehmen an Vorträgen über Alkohol- und Drogenmissbrauch teil und besichtigen Betriebe, um die Wertigkeit von Arbeit zu erfahren. Nicht jeder wird Profi werden, eine Lehrausbildung bietet die Chance, doch noch was aus seinem Leben zu machen.

Werden Bundesligaspieler in diese Maßnahmen eingebunden?

Die Kabinen der Profis sind Tür an Tür mit der Jugend, die laufen sich zwangsläufig über den Weg. Einige haben Patenschaften übernommen, reichen Erfahrungen an die nächste Generation weiter, geben Tipps und Hilfestellung im Alltag eines Fußballers. Besonders Jungspieler, die in den Profikader aufgerückt sind, halten den Kontakt aufrecht. Diese emotionalen Mosaiksteine sind sehr wichtig. Außerdem sind Trainer und Manager oft bei Jugendspielen dabei, um sich einen persönlichen Eindruck vom Stand der Talententwicklung zu verschaffen.

Wer macht die beste Jugendarbeit in Deutschland?

Traditionell Leverkusen und Stuttgart, teilweise auch Dortmund. Entscheidend dabei ist: Wie viele junge Spieler kann man der Profimannschaft anbieten. Bayern München, wie man denken könnte, macht mit Sicherheit nicht die beste Arbeit. Die haben einfach das Image und ausreichend Geld, um ältere Spieler, die schon weiter sind, nach München zu holen. Unsere Ausbildung hingegen fängt ganz unten bei den Jüngsten an.

Die Fans müssten Ihnen dankbar sein, dass sich zurzeit so viele Spieler aus dem eigenen Jugendbereich im Kader befinden – und entscheidende Tore schießen.

Dass vor allem so viele Berliner in unseren Reihen stehen, könnte schon zu einem neuen Image, einer neuen Identifikation führen. Auf der anderen Seite wollen die Fans Siege sehen, da ist es egal, welche Spieler auflaufen.