Herthas Probleme mit den eigenen Fans

Provokationen und Grenzübertritte

Auch Keuter wirkt resigniert: »Bei manchen Gruppierungen von Fans hat man das Gefühl, sie sträuben sich generell gegen alles, was wir machen. Dabei geht es gar nicht darum, was wir machen, sondern nur gegen uns«, sagt er. Selbst wenn man Aktionen für Meinungsfreiheit und Menschenrechte machen würde, hagele es Kritik. Die Botschaft ist klar: Herthas Geschäftsführung hat kein Interesse daran, von ihrem eingeschlagenen Weg abzuweichen. Keuter sagt deutlich: »Ich will den Anhängern meines Vereins nicht die Illusion geben, dass sie bei allem mitquatschen können.« Heutzutage würden viele Vereine ihren Fans Mitspracherecht vorgaukeln. »Ich möchte viel lieber, dass unsere Fans wissen, woran sie sind. Und sie können sagen: ‚Wir sind nicht der Meinung von Hertha BSC oder Paul Keuter – aber wenigstens erzählt er uns keine Scheiße.‘« Er sagt auch: »Wir sind immer dialogbereit, aber wir werden den Ultras nicht hinterherrennen.«

Verhärtete Fronten, klare Kanten, Maximalforderungen überall. Dabei ist Berlin ja stets ein Ort gewesen, an dem Vielfalt und Unterschiede ihren Platz gefunden haben. Und so wäre auch die Hertha bei Licht besehen der ideale Ort, um zu zeigen, dass im modernen Fußball auch beides zusammengehen kann. Modernität und Traditionspflege, Fannähe und Internationalität, Konsolensport und Spieler zum Anfassen auf den Kieztouren. Zumal kein Klub, der vorankommen will, wohl auf das eine oder andere verzichten können wird. 

Dem Verein fehlt das Feingefühl 

Stattdessen scheint der Konflikt zu eskalieren, so sehr er allen Beteiligten auch schadet. Es überwiegt die Freude an der Provokation. Der Verein lässt das Feingefühl für die Bedeutung von Fanbelangen, von Fahnen oder Kieztouren vermissen. Die Fanszene verstieg sich in den vergangenen Monaten zu Provokationen und Grenzübertritten. 

Keuter wiederum stellte zuletzt öffentlich die Beibehaltung der 50+1-Regel 
in Frage und formulierte damit wohl auch die Auffassung anderer Spitzenfunktionäre. Die Ultras skandierten daraufhin beim Spiel gegen den VfL Wolfsburg laut vernehmbar: »Keuter raus!« Außerdem präsentierte die Fankurve dutzende Spruchbänder mit Slogans wie »Der Ball fliegt immer 
noch analog ins Tor« oder »Ihr repräsentiert uns nicht«. Der Kick im halbleeren Olympiastadion, der torlos endete, wäre ohne die Stimmung aus der Ostkurve noch ein wenig trister dahergekommen als ohnehin schon.

Wer ist der Klub? Die Funktionäre, die Spieler, die Fans? Oder alle zusammen, jeder für sich? Die Situation ist 
trist. Beim Verlassen des Vereinsgeländes mit den braunen Häusern fällt zumindest ein Farbtupfer direkt ins Auge: ein buntes Graffito. Darauf prangt der Slogan: »Die Zukunft gehört Berlin.« 
Es wirkt wie eine historische Wand-malerei. Denn gesprüht haben es die 
Ultras. Damals noch explizit mit dem Wohlwollen des Vereins.