Herthas Probleme mit den eigenen Fans

»Respektloser« Umgang und Fassungslosigkeit

Keuter hat schon in den Nullerjahren bei Hertha BSC im Marketingbereich gearbeitet, später ging er in die Staaten. Als der Verein ihn als Teil der neuen Geschäftsführung vorstellte, sollte er die Strukturen innerhalb des Klubs aufbrechen. Sprich: Das tantige Image durch hell leuchtende Digitalität ersetzen. Berlin-Mitte statt Hanne am Zoo. Keuter, 43 Jahre alt, ist nicht unbedingt ein Typ für Selbstzweifel. Der große Mann mit den kurzen blonden Haaren sitzt aufrecht mit hochgekrempelten Ärmeln auf der Couch. Viele Anhänger der Hertha sehen ihn als Agenten des Wandels, weg von den Fans, hin zu internationalen Kunden. Er selbst fühlt sich bei diesem Streit von Anfang an missverstanden: »Das pinke Trikot hatte nichts mit unserer Kampagne zu tun, Trikotfarben müssen bereits jeweils zwei Jahre im Voraus festgelegt werden.«

Er entwickelte die neue Kampagne in Zusammenarbeit mit der Werbeagentur Jung von Matt/Sports. We try. We fail. We win. Es ist jener Anglizismen- und Werbesprech, der den Ultras aufstößt. Keuter sieht dabei den Fehler auch bei der Kommunikation des Vereins: »Durch die neue Kampagne und das pinke Trikot entstand ein ‚Wir werden nicht mehr mitgenommen‘-Grundgefühl.« Von der Kampagne ist Keuter aber weiterhin überzeugt: »Ich kann das ständige und alleinige Berufen auf die Tradition nicht mehr hören.« Der Fortschritt könne schließlich auch zu einem »traditionellen Grundwert« werden. Er macht keinen Hehl daraus, dass ihn die Diskussionen um die vernachlässigte Tradition nervt. Weiter, dieser Eindruck entsteht, könnten er und die Ultras nicht auseinanderliegen.

»Respektloser« Umgang und Fassungslosigkeit

Der Konflikt eskalierte endgültig im Oktober 2017 beim DFB-Pokalspiel daheim gegen den Tabellenletzten 1. FC Köln. Viele Jahre lang erntete jeder Hertha-Funktionär, der von großen Plänen im DFB-Pokal sprach, Hohngelächter bei der Jahreshauptversammlung. Schließlich strich die Hertha traditionell in diesem Wettbewerb früh die Segel. Mittlerweile träumt mancher Anhänger von einem Finale daheim in Berlin, doch die Hertha schied nach enttäuschender Leistung aus.

Die Spieler stapften in die Kabine, ohne den üblichen Gang vor die Fankurve. »Das war ein respektloser Umgang«, sagt Kreisel, »das hat mich wütend gemacht.« Der Vorsänger verlor die Fassung: Er stürmte in den Innenraum, um die Spieler zurückzuholen, und ging Ordner und einen Mitarbeiter an. Am Tag darauf entschuldigte er sich persönlich bei den Beteiligten und bedauerte sein Verhalten in einem offenen Brief. Trotzdem erhielten er und andere Ultras Stadionverbote bis zu zwei Jahren vom Klub. »Die Strafen waren drakonischer als früher, der Umgang mehr als fragwürdig.« Der Brief des Vereins soll von einem Boten zugestellt worden sein, der danach zum Befremden der Nachbarn den Briefkasten abfotografierte. »Das war vollkommen daneben, zumal wir mit den Absendern sonst ein persönliches Verhältnis pflegten«, sagt Kreisel.