Herthas Probleme mit den eigenen Fans

Schicke Lady vs. Alte Dame

Vor dem ersten Heimspiel der Saison tönte plötzlich nicht mehr Frank Zanders »Nur nach Hause« als Einlauflied durch das Berliner Olympiastadion, sondern »Dickes B« von Seeed. Große Teile der Fans regen sich darüber mächtig auf. Es ist der vorläufige Höhepunkt eines alten Konflikts.

Sebastian Wells
Heft: #
198

Der folgende Text entstammt der 11FREUNDE #198, erschienen im Mai des Jahres und hier erhältlich: shop.11freunde.de

Der ZDF-Fernsehgarten ist nicht gerade Pflichtprogramm für Anhänger der Berliner Hertha. Auch deshalb bekamen nicht allzu viele Fans der alten Dame mit, als im Sommer das Hertha-Maskottchen »Herthinho« durch die Anlage auf dem Mainzer Lerchenberg hopste und sprang und dabei das neue Ausweichtrikot der Hertha präsentierte, das nicht blau, nicht weiß, sondern pink war. Eine Farbe, die umgehend eine Welle der Empörung in der aktiven Fanszene der Hertha auslöste und dafür sorgte, dass auch heute, fast zwei Jahre später, immer noch regelmäßig gegen die Farbwahl protestiert wird. Motto: »Hertha nur echt in Blau-Weiß«.

Der Streit um die Farbe eines Trikots, das nur dann zum Einsatz kommt, wenn weder das blaue Heimtrikot noch das blaue Auswärtstrikot sich ausreichend von den Jerseys des Gegners unterscheiden, mutet auf den ersten Blick marginal an. Das Trikot ist jedoch inzwischen nur einer von vielen Streitpunkten zwischen den Fans in der Ostkurve und dem Berliner Management. Inzwischen setzen sich beide Seiten nicht mehr an einen Tisch, es dreht sich  eine Eskalationsspirale aus Verboten und Protesten, der Ton in den Mails ist eisig. Direkt mit der Klubführung verhandeln, wollen die Ultras inzwischen ohnehin nicht mehr. 

Manches, worüber in Berlin gestritten wird, mag vereinsspezifisch sein. Das meiste jedoch steht exemplarisch für Zerwürfnisse, die sich in ähnlicher Form an vielen Standorten abspielen, in Köln etwa, in Bochum und vor allem in Hannover, wo die Ultra-szene die Unterstützung der Mannschaft eingestellt hat, als letzte Reaktion auf das halbseidene Besitzstreben des 96-Boss Martin Kind. Es sind zwei Welten, die aufeinanderprallen. 

Umbruch um Sommer 2016

Die eine Welt ist die der aktiven Fans, der Ultras, der Allesfahrer, die jedes Wochenende mit der Hertha unterwegs sind. Es ist eine Welt, die für eine Fußballkultur kämpft, die sich nicht vollends dem Kommerz unterordnet, und für Fanblöcke, in denen die Anhänger nicht für jede Fahne einen Pass beantragen müssen. Es ist die Welt von Kreisel, dem Vorsänger der Berliner »Harlekins«, Mitte 30, Dreitagebart und Hoody, neben ihm Sabbo mit hellem Pullover und Schal. Auch sie ist Mitte 30, geht seit zwanzig Jahren zur Hertha und kann komplexe Sachverhalte prägnant zusammenfassen: »Wenn deine Frau dich drei Mal betrügt, dann triffst du dich auch nicht mehr locker mit ihr auf ’nen Weinchen«, sagt sie auf die Frage, warum die Ultras nicht mehr mit der Geschäftsführung zusammensitzen wollen.

Aus ihrer Sicht wechselte Hertha BSC  im Sommer 2016 nicht nur die Farbe des Ausweichtrikots, sondern auch den Umgangston mit den Anhängern. Zuvor seien beide Seiten in engem Austausch gewesen, gemeinsam sei unter dem Motto »Fahne pur« das Vereinsemblem umgestaltet worden. Auch die Ausstellung zur Geschichte des Hauptstadtfußballs unterstützten die Ultras später.

Doch dann erlebten sie an den Spieltagen immer wieder Enttäuschungen: Die Musikanlage wurde nicht mehr heruntergeregelt, damit der Fanblock sich einsingen kann. Zivile Ordner seien plötzlich im Block eingesetzt worden. Der Bereich für die Banner wurde eingegrenzt. Und zur 125-Jahr-Feier im Sommer 2017 habe der Klub einen Empfang im Rathaus organisiert, ein geschlossener Kreis, ohne Austausch mit den Anhängern. Die Fanszene organisierte ihrerseits eine separate Party. Unter den Gästen: kein einziger Vertreter des Klubs. Die Enttäuschung der Ultras war groß. »Wie eine Silberhochzeit, die die Ehepartner getrennt voneinander feiern«, sagt Sabbo.